Dienstag, 18. Oktober 2016

"Das Silicon Valley Mindset. Was wir vom Innovationsweltmeister lernen und mit unseren Stärken verbinden können" von Dr. Mario Herger

Von Ralf Keuper

Eine Frage, die hierzulande viele von uns umtreibt, ist, woraus die Zauber- bzw. Erfolgsformel des Silicon Valley besteht. Da scheinen fast schon übermenschliche, metaphysische Kräfte am Werk zu sein; anders ist es kaum zu erklären, wie es einer von der Sonne verwöhnten Region im Westen der USA seit Jahren, Jahrzehnten gelingt, uns immer wieder mit neuen Produkten, genannt seien nur das iPhone und der Tesla, ebenso wie mit "disruptiven" Geschäftsmodellen (Uber, AirBnb) ins Staunen zu versetzen; nicht selten nach einer Phase heftigster Ablehnung. 

Mario Herger, gebürtiger Österreicher, langjähriger Entwicklungsleiter von SAP und seit 2001 im Silicon Valley wohnhaft, wo er ein eigenes Unternehmen gegründet hat, hebt in dem Buch Das Silicon Valley Mindset den Schleier, der sich über die Jahre auf das Silicon Valley gelegt und nicht selten zu dessen Mystifizierung geführt hat. Ziel ist es, uns Europäern das Mindset des Silicon Valley näher zu bringen und zu zeigen, was wir davon lernen und wie wir unsere Stärken damit verbinden können. 

Das wesentliche Merkmal des Silicon Valley Mindset besteht in der Bevorzugung disruptiver gegenüber inkrementellen Innovationen. Herger schreibt:
Inkrementelle Innovation wird vor allem von Experten durchgeführt. Von Spezialisten, die sich in der Materie sehr gut auskennen und sie optimieren können. Die Abgaswerte eines Dieselmotors immer mehr zu reduzieren, den Produktionsprozess um zehn Prozent effizienter zu machen, die Wartezeiten vor dem Fahrkartenschalter um 20 Sekunden zu reduzieren, dazu benötigt man Expertise.

Disruptive Innovation wird aber vor allem von Nichtexperten geschaffen und überrascht deshalb oft die eigentlichen Experten. Wei sie gut erklären können, warum etwas nicht klappen wird, sind die völlig verblüfft, wenn jemand einen kombinierten, innovativen Ansatz hat, der die Rahmenbedingungen ändert. Darum werden diese Ansätze von den Experten so lange ignoriert, bis es zu spät ist. 
Noch immer halten viele "Experten" die Elektroautos von Tesla ebenso wie Selbstfahrende Autos für einen Hype. Wie können Nicht-Ingenieure, Nicht-Experten es überhaupt wagen, eine Industrie herauszufordern, die seit Jahrzehnten mit dem Verbrennungsmotor und dem Motto "Aus Freude am Fahren" von Absatzrekord zu Absatzrekord (wir lassen jetzt mal das Thema Eigenzulassungen außen vor) eilt? Ganz einfach: Weil sie das Problem anders angehen bzw. anders interpretieren:
Automobilhersteller und Transportdienstleister sehen sich seit geraumer Zeit von Silicon-Valley-Firmen unter Druck gesetzt. Firmen wie Tesla Motors, Google, Apple oder das mittlerweile dichtgemachte Better Place bringen disruptive Technologien auf den Markt. Uber, Lyft und andere Ridesharing-Plattformen ändern die Art, wie wir Transportdienstleistungen erleben. Was diese Firmen von traditionellen Automobilbauern unterscheidet, sind die Hintergründe der Firmengründer. Sie kommen alle aus dem Softwaresektor und betrachten die Probleme als Softwareproblem. Die Wertschöpfung liegt nicht mehr so sehr im "Verbiegen von Blech", sondern im Programmieren von Softwarecode.
Die Automobilhersteller haben laut Herger noch nicht realisiert, dass für die meisten Menschen Fahren, d.h. die Bedienung eines Autos, Zeitverschwendung ist und keineswegs zur Erbauung beiträgt:
Ein Auto soll zwischenmenschliche Verbindungen in der physischen Welt ermöglichen. Das Auto ist ein "Connector". Ich fahre nicht in die Stadt, weil ich Freude am Fahren habe, sondern weil ich mich mit Freunden treffe. ... Ein iPhone ist ein virtueller Connector zwischen Menschen. Wenn ich mit dem Auto fahren muss, kann ich mich in diesem Moment nicht mit ihnen verbinden, weil ich auf den Verkehr achten muss. 
Auch in Europa greift das Silicon Valley Mindset um sich, wie in Berlin; aber auch in Finnland, wo nach dem Niedergang von Nokia aus dessen näherem Umfeld zahlreiche Startups entstanden sind. Der wesentliche Unterschied zwischen der amerikanischen, und hier insbesondere der kalifornischen, Mentalität und der europäischen besteht laut Herger darin, dass die Amerikaner äußeren Einflüssen eine weitaus geringere Wirkung auf den Erfolg im Leben einräumen, als dass in Europa der Fall ist.

Fakt ist, dass Europa in vielen Technologiebereichen den Anschluss verloren hat und dabei ist, die Digitale Souveränität zu verlieren. Dass wir in Europa einen neuen Gründergeist benötigen, dürfte inzwischen Konsens sein. Die Frage ist nur, ob unser Wirtschafts- und Gesellschaftssystem, unser Wirtschaftsstil hierfür geeignet ist. Zu den Stärken zählen unser Bildungs- und Gesundheitssystem. Was müssen wir aufgeben und was gewinnen wir dadurch? Sollten wir jetzt das Silicon Valley zu kopieren versuchen, wie damals die japanische Industrie mit ihrem Lean Management? Welche Komponenten des Silicon Valley Mindset lassen sich mit dem europäischen kombinieren? Ein Mittel ist sicherlich der rege Informationsaustausch mit dem Silicon Valley, wie über sog. Brückenorganisationen (German Accelerator) und sog. Outposts (SAP Labs in Palo Alto), kurzum: Mehr Offenheit gegenüber einem Mindset, der bereit ist, die Dinge in einem anderen, neuen Licht zu betrachten und sich nicht von althergebrachten Standards und sog. Expertenmeinungen einschüchtern lässt. 

Für sich selbst beschreibt Herger sein Credo:
An meinem 40. Geburtstag wurde mir klar, dass ich maximal noch 40 Jahre zu leben habe. Und die wollte ich nicht mit Dingen vergeuden, die keinen Spass machen, und auch nicht mit Menschen verbringen, die mir durch ihre Negativität wertvolle Energie rauben. Ich wollte mich mit Leuten umgeben, die Ideen zum Wohle der Menschheit haben und diese Ideen auch umsetzen, die eine positive Einstellung zum Leben haben und Energie ausstrahlen.

Sonntag, 16. Oktober 2016

"Die Wirtschaftswelt der Zukunft. Wie Fortschritt unser komplettes Leben umkrempeln wird" von Alec Ross

Von Ralf Keuper 

An Veröffentlichungen, die sich mit der Zukunft der Wirtschaft beschäftigen, herrscht wahrlich kein Mangel. Nur wenige zeichnen ein differenziertes Bild, wie Alec Ross in Die Wirtschaftswelt der Zukunft. Ross, ehemaliger Berater für Innovation der damaligen Außenministerin Hillary Clinton, ist zuversichtlich, dass die Gesellschaft mit den Herausforderungen, wie sie mit der Verbreitung neuer Technologien verbunden sind, bewältigen kann. Die Risiken dürften jedoch nicht unterschätzt werden, so Ross. 

Die Digitalisierung von Geld, Märkten und Vertrauen

Die fortschreitende Digitalisierung führt dazu, dass Bevölkerungsgruppen und Länder, die bisher vom Fortschritt ausgeschlossen waren, ihr Schicksal, zumindest ein Stück weit, selbst in die Hand nehmen können. Nirgendwo sonst ist das so sichtbar wie in Afrika, wo Mobiltelefone sehr verbreitet sind. Ohne ihre Mobiltelefone wäre es den meisten Afrikanern nicht möglich, mit ihren Angehörigen zu kommunizieren und/oder Geldgeschäfte zu erledigen, wie im Flüchtlingslager Mugunga im Kongo:
Die Verbreitungsrate von Handy liegt im Kongo bei 44 Prozent. In Mugunga gehörten die Telefone zu den wenigen funktionierenden Teilen der Volkswirtschaft und sie dienten keineswegs nur zum Telefonieren. Die Flüchtlinge nutzten sie, um Geld zu schicken und zu empfangen, auch wenn sie über kein eigenes Bankkonto verfügten. ... In Flüchtlingsgemeinden wie Mugunga waren Mobiltelefone nach der Vertreibung der einzige Weg, als Familie in Kontakt untereinander zu bleiben. .. Die Handys ermöglichten es den Lagerbewohnern auch, das wenige, was sie an Geld besaßen, in Mobilfunkkonten aufzubewahren. Passwortgeschützt lagerte es dort besser vor Diebstahl geschützt als Bargeld. 
Unternehmen wie Uber und Airbnb stehen für einen neuen Wirtschaftsstil, der häufig als Sharing Economy oder Plattformökonomie bezeichnet wird. Anbieter und Kunden finden auf direktem Weg zueinander. Die Plattform übernimmt dabei "nur" die Vermittlung - natürlich gegen Bezahlung. Was auf den ersten Blick wie die Neuerfindung der freien Marktwirtschaft aussieht, ist der Beginn eines Konzentrationsprozesses, ähnlich dem des Industriezeitalters mit den großen "Trusts":
Seit digitalisierte Märkte selbst den allerkleinsten Händlern offenstehen, geht der Trend dahin, dass wirtschaftliche Transaktionen nicht mehr über reale Ladengeschäfte oder Hotels, sondern verstärkt über einzelne Personen erfolgen, die sich entweder lokal oder über das Internet miteinander verbinden. Auf diese Weise wird der Markt verteilt. Stattfinden tut diese Verteilung über eine kleine Zahl von Technologie-Plattformen, die zumeist in Kalifornien oder in China stehen. Das meine ich, wenn ich von Konzentration spreche.
Um zu verhindern, dass die großen Plattformen durch die Deregulierung der Arbeitsmärkte die soziale Ungleichheit in den Ländern, aber auch unter den Ländern, nicht ins Extrem steigern, müssten sie an den Kosten für ein Sicherheitsnetz beteiligt werden.  

Bitcoin und Blockchain

Auch Ross setzt große Hoffnungen in die digitalen Währungen wie Bitcoin und in die Blockchain-Technologie. Dennoch könnte die Entwicklung eine vollkommen andere Richtung einschlagen, als viele Enthusiasten annehmen. Schon heute verliefen Bitcoin-Transaktion nicht völlig anonym. Künftig jedoch könnte die Anonymität vollständig verloren gehen, zumal dann, wenn Regierungen mit ins Spiel kommen. Ross zitiert den Startup-Investor Marc Andreessen
Wenn jemand glaubt, dass Bitcoin Transaktionen einfacher macht, die nicht von der Regierung überwacht werden können, liegt er hundertprozentig daneben. Alle Transaktionen finden in der Öffentlichkeit statt. Jeder kann sich das gesamte Hauptbuch ansehen und verifizieren, wem das gehört. Wenn Sie also eine Polizeibehörde sind oder ein Nachrichtendienst, können Sie auf diesem Weg viel einfacher den Geldfluss nachvollziehen als beim Bargeld. Insofern erwarte ich, dass die Polizei und die Nachrichtendienste letztlich für Bitcoin sein werden und die Libertären letztlich gegen Bitcoin. 
Ohne Institutionen, die die Einhaltung der Regeln (Governance) bei der Abwicklung von Geschäften überwachen, werde die Blockchain nicht auskommen, so Ross. 

Die Bank - ein digitales Hauptbuch 

Im Grunde ist eine Bank nicht viel mehr als ein digitales Hauptbuch, wie der Gründer des Fintech-Startups Standard Treasury,  Zac Townsend, Ross gegenüber bemerkt. Das Geschäft der Banken bestehe, ohne dass ihnen das bewusst sei, aus der Verwaltung, Bewertung und Speicherung von Daten. Die Bilanzierungsprobleme der Banken seien die logische Konsequenz, so Townsend: 
Eine Bank ist wenig mehr als Daten. Das sind Big-Data-Unternehmen! Man kann den Dingen schicke Namen verpassen, wie verbriefte Subprime-Hypotheken oder Credit-Default-Swaps oder sonst was, aber eine Bank ist letztlich ein gewaltiges Hauptbuch für Kontrakte mit künftigem positiven oder negativen Cashflow. Das gesamte Einkommen einer Bank basiert darauf, wie sich der aktuelle Wert dieses Cash-flows von Augenblick zu Augenblick verändert, aber sie bekommt die simple Bilanzierung, wer wem was schuldet, nicht korrekt hin. 
Fazit:

Ross zeichnet ein differenziertes Bild der Wirtschaft von morgen, d.h. er wird keine blinde Fortschrittsgläubigkeit verbreitet. Den Chancen stehen, wie sollte es auch anders sein, Risiken gegenüber. Kaum anderswo wird das so sicht- und spürbar wie bei dem Thema Cybersicherheit. Gezielte Cyberangriffe versetzen Regierungen, Unternehmen und Banken gleichermaßen in Alarmbereitschaft. Die Technologierisiken steigen - nicht nur im Banking. 
Ob und inwieweit die Länder von der technologischen Entwicklung profitieren, hängt in hohem Maß davon ab, wie offen sie gegenüber Menschen anderer Herkunft und neuen, abweichenden Ideen sind. Das Modell des Silicon Valley mit seiner ausgeprägten Startup-Kultur ist jedoch nur begrenzt exportfähig. Das Silicon Valley werde nicht den Rest der Welt kolonisieren. Vielfalt statt Einfalt, Stilpluralismus und kein Einheitsstil, oder wie Ross schreibt:
Ich denke, die geografische Streuung von Fachkompetenz in den Zukunftsbranchen wird dafür sorgen, dass in der nächsten Phase der Globalisierung Innovations- und Handelszentren geografisch weiter verteilt sein werden als in der vorigen Phase, in der das Silicon Valley eine 20jährige Dominanz genießen konnte. .. Die Vorstellung ist nicht aus der Luft gegriffen, dass die Software- und Big Data-Firmen und -Unternehmer aus dem Silicon Valley auch künftig alles beherrschen werden, aber ich glaube, wenn Big Data sich weiter ausbreitet, wird es sich zu einem Wirtschaftsgut entwickeln, das jede Branche für sich einsetzen kann. 
Damit befindet sich Ross in etwa auf einer Linie mit Michael Porter in Nationale Wettbewerbsvorteile