Samstag, 30. April 2016

Systemisches Management, Evolution, Selbstorganisation von Fredmund Malik

Von Ralf Keuper

Obwohl schon seit Jahren etabliert, hat es die Lehre des Systemischen Mangements, wie sie von Fredmund Malik und der >St. Galler Schule< vertreten wird, hierzulande schwer, sich gegenüber den verschiedenen Managementmoden Gehör zu verschaffen.

So stehen viele der Grundannahmen des Systemischen Managements im krassen Widerspruch zu dem noch immer weit verbreiteten Gedanken des "Shareholder Value". Als einer der vehementesten Kritiker in Europa an dieser, seiner Meinung nach extrem eindimensionalen Sichtweise, gilt Fredmund Malik, der inzwischen auch als der prominenteste Vertreter des Systemischen Managements gilt.

Das vorliegende Buch (vollständiger Titel: Systemisches Management, Evolution, Selbstorganisation - Grundprobleme, Funktionsmechanismen und Lösungsansätze für komplexe Systeme), das eine Sammlung verschiedener Artikel und Aufsätze von Malik zu dem Thema Systemisches Management enthält, gewährt einen guten Einblick in die Grundzüge des Systemischen Managements bzw. der evolutionären Managementlehre.

Deren zentraler Ausgangspunkt ist die Interpretation von Unternehmen als komplexe Systeme, die sich in einer ebenfalls komplexen Umwelt zurecht finden bzw. überleben müssen. Hierzu kann die Führung eines Unternehmens sich nicht nur auf die Wirksamkeit der eigenen Entscheidungen stützen, sondern muss vielmehr die verschiedenen Abhängigkeiten und unvorhersehbaren Seiteneffekte so weit wie möglich in ihre Überlegungen mit einbeziehen. Damit verbunden ist der Abschied von der Vorstellung, ein Unternehmen vollständig kontrollieren und steuern zu können, was sich am besten am Beispiel der Defintion des englischen Wortes >Control< verdeutlichen lässt:
Das englische Wort "Control" kann zwar mit "Kontrolle" ins Deutsche übersetzt werden und bedeutet in gewissen Zusammenhängen dann Überwachung, Aufsicht, Inspektion; aber "Control" bedeutet ebenso - und dies ist im vorliegenden Kontext viel wichtiger - steuern, regeln, regulieren, lenken, Richtung geben. Strategie, Früherkennung und vernetztes Denken haben ja zu tun mit der Frage, wie man ein System unter Kontrolle bringt, und zwar nicht ein einfaches, sondern ein komplexes System - und dies ist nicht möglich mit Kontrolle im ersten Sinne des Wortes. Kontrolle im Sinne von Überwachung, Beaufsichtigung usw. kann dabei zwar eine Rolle spielen, trifft aber nicht den Kern. "Control" ist weniger etwas, was man tut, sondern etwas, was das System hat oder ist; etwas "unter Kontrolle haben" oder "unter Kontrolle sein" hat nicht so sehr mit spezifischen Aktivitäten zu tun, sondern mit der Eigenschaft eine Systems. Diese Eigenschaft hängt, den Erkenntnissen der modernen Systemwissenschaften und der Kybernetik zufolge, zusammen mit der Struktur eines Systems und seinem Informationshaushalt.
Im weiteren Verlauf grenzt Malik seinen systemisch-evolutionären Ansatz von einer konstruktivistischen Sichtweise ab, die sich bei der Zielverfolgung und Zielerreichung auf konkrete, detaillierte Vorgaben stützt.
Für den konstruktivistischen Ansatz entsteht alles Zweckmässige aufgrund absichtsvollen, auf das Ziel gerichteten Handelns. Dementsprechend müssen nicht nur die Ziele im Voraus bekannt sein, sondern selbstverständlich auch die das Verhalten steuernden Regeln, meinst in Form von Anweisungen, Anordnungen und Befehlen. Diese Anordnungen müssen nun - und hier liegt ein entscheidender Unterschied zum evolutionären Ansatz - so gestaltet sein, dass sie das Detail regeln können. Denn die reibungslose Funktion einer Maschine setzt ja, .. , voraus, dass alle Bestandteile bis ins Detail durchkonstruiert sind. Im Gegensatz dazu bestimmten die Regeln, die im Zentrum des systemisch-evolutionären Ansatzes stehen, nur den allgemeinen Charakter, bestimmte Züge und Merkmale von Verhaltensweisen. Sie beschreiben nur bestimmte Arten des Verhaltens vor, nicht aber das Verhalten im Detail. Dieses ergibt sich sodann aus der Anwendung solcher allgemeinen Regeln auf die besonderen, im Einzelfall vorherrschenden, konkreten Umstände, die meistens nur dem Einzelnen bekannt sein können, mit Sicherheit aber nicht in einem vollständigen System von Verhaltensregeln ihren Niederschlag finden können.
Nach Auffassung des systemischen Managements besteht das Ziel eines Unternehmens in erster Linie nicht in Gewinnmaximierung, sondern in der Sicherung der (Über-) Lebensfähigkeit, was im direkten Gegensatz zum Shareholder-Value-Gedanken steht:
Entscheidend wird somit nicht mehr die ökonomische Gewinnmaximierung sein, sondern die Entwicklung der Lebensfähigkeit und Robustheit einer Unternehmung; nicht das Herausquetschen der letzten Renditeprozente, sondern die Fähigkeit, auch Umsatzeinbrüche und massiven Preisdruck durchzustehen; nicht mehr das Geschäftemachen wird im Vordergrund stehen, sondern die Kunst, im Geschäft zu bleiben - und wesentlich werden weniger Fragen des Führungsstils sein, als vielmehr die Fähigkeit und Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen und wenn notwendig auch einzulösen.

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