Samstag, 19. Dezember 2015

No Economy. Wie der Gratiswahn das Internet zerstört (Gisela Schmalz)

Von Ralf Keuper 

Es ist kaum zu leugnen, dass im Internet die Gratismentalität der Etablierung profitabler Geschäftsmodelle, die auf dem geistigen Eigentum und Urheberrechten abstellen, nahezu unmöglich ist. Besonders bekommen diese Haltung die Medien wie überhaupt all diejenigen Geistesarbeiter zu spüren, die auf die Verbreitung und Veröffentlichung ihrer Werke angewiesen sind. Daneben sind aber auch die Produktentwickler bzw. Hersteller von Softwarelösungen betroffen, die für ihre Arbeit häufig keinen adäquaten Gegenwert erhalten, da im Netz an irgendeiner Stelle eine kostenlose Alternative zum Download bereit steht. Der Jagd- und Sammelinstinkt der Nutzer, die ihre Schnäppchenjagd nicht nur auf Lebensmittel- und Möbeldiscounter beschränken, sondern auch im Internet auf neue, ungeahnte Höhen führen, ist anscheinend so übermächtig, dass daran unter den gegebenen Umständen kaum etwas zu ändern ist. 
Dennoch täuscht der Eindruck, die Gratisökonomie sei ihrem Wesen nach kostenlos. Facebook, Google und andere Internetkonzerne stellen ihre Dienstleistungen nicht aus altruistischen Motiven unentgeltlich zur Verfügung, sondern aus knallhartem ökonomischen Kalkül. Ziel ist es, die Nutzer von den Gratisangeboten so abhängig zu machen, dass ihr Verlangen nach alternativen Angeboten, die zwar qualitativ hochwertiger sind, versiegt, zumal diese Angebote nicht umsonst sind. Schon der geringste Preis weckt in dem Nutzer den Ehrgeiz, im Netz nach einem kostenlosen Ersatz zu suchen. Folge davon ist die Monopolisierung des Internet, oder wie es inzwischen auch heisst, die Errichtung des Plattformkapitalismus. 

All diese Entwicklungen und Phänomene fasst die Medienökonomin Gisela Schmalz in ihrem Buch No Economy. Wie der Gratiswahn das Internet zerstört als, wie der Titel schon sagt, No Economy zusammen. Erst gegen Mitte des Buches liefert die Autorin eine präzise Definition der No Economy:
Eine Ökonomie, in der Anbieter die meisten Güter verschenken und Konsumenten die Geschenke ohne Gegenleistung annehmen oder das Eigentum anderer stehlen, ist keine. Sie ist eine No Economy. Ein einseitiges System, das dauerhaft nur die Liefernden zugunsten der Nehmenden belastet, ist zum Scheitern verurteilt. Da, wo das Leistungs-Gegenleistungs-Prinzip nicht funktioniert, kann auf Dauer keine für alle Teilnehmer zufriedenstellende Umverteilung stattfinden. In einem solchen Wirtschaftssystem sind Werte kaum bestimmbar oder lösen sich langfristig auf.
Während die Autorin in der ersten Hälfte ihres Buches die Defizite der No Economy bis ins Detail schildert, geht sie im zweiten Teil dazu über, Lösungsalternativen vorzustellen. Als Antwort auf die Herausforderung der No Economy formuliert Schmalz konsequenterweise die Grundlinien der Yes Economy. In dieser "realen" Ökonomie werden sich die smarten Nutzer ihrer Nachfragemacht bewusst und Plattformen bzw. Online-Marktpläzte in Eigenregie betreiben:
Die zunehmende Onlinekompetenz kann Nutzer schließlich dazu bringen, eigene Handelsplattformen zu eröffnen, über die sie ihre P2P-Geschäfte eigenständig durchführen, legale Inhalte und Dienste austauschen oder gegen Geld handeln. In Produktionsgemeinschaften könnten sie die Güter des WWW, ähnlich wie in der Software- oder Gamesbranche praktiziert, kooperativ entwickeln, die dann für alle nutzbringend untereinander verteilt würden. ... Es geht darum, die No Economy in eine Yes Ecnomy zu überführen, mit der sich die größtmögliche Zahl der Teilnehmer einverstanden erklärt.
Diese Vorschläge fallen noch recht vage aus, was vielleicht auch daran liegt, dass das Buch 2009 erschien, zu einer Zeit, als die Gratisökonomie sich auf ihrem Höhepunkt befand. 

Was hat sich seitdem verändert?

Da wäre zum einen der Siegeszug der Streaming-Dienste wie Netflix oder Spotify zu nennen, die in gewisser Weise belegen, dass sich für digitale Güter durchaus Geld verlangen lässt, die ein profitables Geschäft ermöglichen. Allerdings sind nicht alle von diesem Modell in derselben Weise überzeugt, wie z.B. die zahlreichen Künstler, die von ungerechten Vergütungssystemen berichten. Sie würden nur einen Bruchteil der Einnahmen erhalten; der Großteil ginge, wie bereits in der Vergangenheit, in die Kassen der großen Medienunternehmen und der Streaming-Anbieter. Es sei sogar noch schlimmer als vorher. 

Weiterhin nehmen die Projekte und Initiativen zu, die versuchen die Blockchain für die Musikindustrie fruchtbar zu machen

Was aber wäre, wenn die smarten Nutzer dazu übergingen, die Vermarktung ihrer personenbezogenen Daten in die eigenen Hände zu nehmen? Wenn Daten die neue Währung sind, dann ist es eigentlich nur logisch, wenn die Schöpfer dieser Währung an den Erträgen beteiligt werden wollen. Was, wenn wir demnächst eine Me2B - Economy bekommen? Werden sich dadurch die Machtgewichte verschieben bzw. bekommen die großen Plattformen ein Gegengewicht?

Erst dann können wir m.E. von so etwas wie einer Yes Economy sprechen. 

Samstag, 27. Juni 2015

Sind Familienunternehmen wirklich anders?

Von Ralf Keuper

Es ist nicht ungewöhnlich, dass in Krisenzeiten die Blicke Halt an Personen oder Organisationen zu finden versuchen. Seit Jahren richten sich die Hoffnungen in der Wirtschaftspresse auf die zahlreichen Familienunternehmen in Deutschland, die für viele Kommentatoren den guten Kapitalismus repräsentieren. Hier bestimmt nicht der Quartalsbericht die Ausrichtung der Firmenstrategie; es wird in Generationen gedacht. Kurzfristige Gewinnmaximierung zu Lasten langfristiger Marktchancen ist hier verpönt - so lesen wir zumindest immer wieder. Bereits im Jahr 2011 habe ich mich mit Phänomen in dem Beitrag Familienunternehmen – Größe und Grenzen beschäftigt. 

Schon damals äußerte ich Zweifel, ob die Familienunternehmen zur Gegenwelt taugen; sie sind seitdem nicht geringer geworden. Es drängt sich der Eindruck auf, als würden die Familienunternehmen in die Rolle eines "Ersatzadels" gedrängt. Schnell ist da von Dynastien die Rede.

Nur leider hat das Bild einige deutliche Risse.

Im vergangenen Jahr sorgte der Hersteller elektronischer Verbindungstechnik, Weidmüller, mit seinem feindlichen Übernahmeversuch von R. Stahl für Schlagzeilen und Irritationen. Nicht nur der Deutschlandfunk erblickte darin die Entzauberung des Mythos Familienunternehmen. Selbst eine Ikone unter den Familienunternehmen, wie der Oetker-Konzern, sorgte mit seinem nach außen gedrungenen Erbstreit für ungewohnte Töne und Einblicke. Im nicht weit entfernten Rheda-Wiedenbrück liefern sich Clemens Tönnies und sein Neffe Robert eine Auseinandersetzung um die Vorherrschaft bzw. Teilhabe an der Macht in Europas größtem Fleischkonzern. In einem Interview mit der WirtschaftsWoche versucht Arist von Schlippe die neue Streitsucht der Familienunternehmen mit deren besonderen Werten bzw. Charaktereigenschaften zu erklären. Das nennt man auch zirkuläre Argumentation oder Immunisierung. Beim Nutzfahrzeugzulieferer Knorr-Bremse verlässt der als Kronprinz gehandelte Sohn des Eigentümers das Unternehmen. Und auch in der Familie Haniel herrscht schon lange nicht mehr die harmonische Grundstimmung der Vergangenheit. Selbst im Brenninkmeyer-Clan, das absolute Vorzeige-Familienunternehmen, ist die alte Verbundenheit brüchig geworden. 

Irgendwas ist anders geworden; oder es wird jetzt einfach nur offensichtlicher.  

Die Grenzen zwischen Familienunternehmen verlaufen deutlich fließender als manche Berichte suggerieren. Beim Haushaltsgerätehersteller Miele etwa, regieren, wie das Manager Magazin vor einiger Zeit berichtete, zwei einflussreiche Banker von Goldman Sachs und der Commerzbank im Hintergrund.

Auch in Familienunternehmen regiert der Shareholder Value - nur ist die Zahl der Shareholder hier i.d.R. deutlich geringer , als bei den echten börsennotierten Unternehmen ;-)

Freitag, 26. Juni 2015

Deutsche Industrie: Auch digital "unkaputtbar" ?

Von Ralf Keuper

In dem insgesamt lesenswerten Beitrag Wandlungswunder deutsche Industrie - auch digital unkaputtbar? geht das Autoren-Duo Eva Müller und Dietmar Palan der Frage nach, ob die deutsche Industrie ihre Wandlungsfähigkeit auch im Zeitalter der fortschreitenden Digitalisierung unter Beweis stellen kann. 

Die Erfolgsformel der deutschen Industrie machen die Autoren u.a. am Beispiel des Herstellers für elektronische Verbindungstechnik Weidmüller fest:
Unternehmen wie Weidmüller ist es zu verdanken, dass die deutsche Industrie es über Jahrzehnte immer wieder geschafft hat, auch große Basisinnovationen in ihre Produkte zu integrieren, selbst wenn diese technologischen Neuheiten gar nicht hierzulande erfunden wurden, sondern im Silicon Valley. Die Weidmüllers dieser Republik sorgen dafür, dass die deutsche Wirtschaft bis heute auf einem breiten und gesunden industriellen Fundament steht, eines, das bei hochentwickelten Volkswirtschaften seinesgleichen sucht.
Nebenbei: Weidmüller stand im vergangenen Jahr wegen seines nicht-freundlichen Übernahmeversuchs des Familienunternehmens R. Stahl in der Kritik. Der Deutschlandfunk nahm das zum Anlass, von dem entzauberten Mythos Familienunternehmen zu sprechen. 

Eine weitere nachdenkenswerte Diagnose der Autoren:
Am Standort D haben sich in großem Maßstab Branchen erhalten, die mehr als 100 Jahre alt und anderswo längst ausgestorben sind. Während einst ruhmreiche europäische Automarken wie Fiat Chrysler Automobiles , Lancia, Renault , Peugeot oder Citroën ums Überleben kämpfen, sind die deutschen Hersteller allesamt wohlauf, weil Premium. Und auch die heimischen Chemiekonzerne gelten international nach wie vor als höchst wettbewerbsfähig.
Was die Premiumhersteller angeht, räumen die Autoren auf den nächsten Seiten selber ein, dass diesen Ungemach von Apple, Google, Tesla & Co. drohen könnte. 

Dennoch hat das Geschäftsmodell der deutschen Industrie einige Defizite: 
Trotz dieser Fähigkeit, sich technologisch an die Spitze einer Bewegung zu setzen und die Premiumwelle zu reiten, hat sich selbst hierzulande der harte industrielle Kern im Laufe der Zeit dezimiert. Er konzentriert sich zunehmend auf die Branchen Chemie, Maschinen, Auto und Elektronik. Das Tätigkeitsfeld ist so eng, dass kaum mehr Spielraum für Ausfälle bleibt - wie mit Solarherstellern oder Telekomausrüstern geschehen.
Mit anderen Worten: Das Geschäftsmodell D hat Schlagseite. Die Abhängigkeit von bestimmten Branchen ebenso wie die Pfadabhängigkeit haben bedenkliche Ausmaße angenommen.  

Nur gut, dass Deutschland so tüchtige Mittelständler hat, die im Bereich Industrie 4.0 ein Wort mitsprechen wollen. Gerne wird in dem Zusammenhang die Trumpf-Gruppe aus Ditzingen als Paradebeispiel herangezogen. Deren medienwirskam auftretende Chefin Nicola Leibinger-Kammüller ist so etwas wie der Liebling der Wirtschaftsredaktionen. (Seit der Finanzkrise ist es aber etwas ruhiger um ihre Person geworden - so mein Eindruck). Scheinbar hat sie noch nicht die richtige Fallhöhe erreicht, um sie herunter schreiben zu können ;-) Die Mitarbeiter sehen ihren Arbeitgeber übrigens nicht ganz so positiv wie einige Redakteure

Das Heil der deutschen Industrie sehen die Autoren ebenso wie die diversen Berater  in der Software und Vernetzung.
Die Programme, die für die Vernetzung und Steuerung von Maschinen und Anlagen benötigt werden, könnten sich als Einfallstor für neue digitale Konkurrenten erweisen. Die aus den Schnittstellen der Netzwerke abgesaugten Daten ließen sich nutzen, um eigene Wartungs- und Reparaturdienste anzubieten und sich so zwischen die Maschinenbauer und ihre Kundschaft zu schieben.
Folglich gehe es in Zukunft um die Hoheit der Daten, um nicht von Apple, Google & Co auf den Rang von Zulieferern reduziert zu werden. Das Problem ist nur, Apple und Google sind schon längst in den Autos. Von dort werden sie sich auch von Daimler, BMW und VW nicht mehr vertreiben lassen. Sie beherrschen die Informationsflüsse. Das ist das eigentliche Dilemma. 

Insgesamt geben sich die Autoren und einige Interviewpartner optimistisch, dass der deutschen Industrie der Turnaround auch in der Digitalmoderne gelingen wird. Dafür führen sie einige plausible Argumente an, die in der Summe jedoch nicht ganz überzeugen können.

Zwar ist es richtig, dass die deutsche Industrie noch immer rechtzeitig den Schwenk in den neuen Modus geschafft hat. Bisher basierte das deutsche Modell auf vergleichsweise langen Innovationszyklen, die genügend Zeit für die schrittweise Verbesserung, für German (Over-) Engineering ließen. Im digitalen Zeitalter gilt das häufig nicht mehr. Die Zyklen werden kürzer, die Produkte nicht selten nach der Auslieferung weiter bearbeitet. Ein Modus, den die Deutschen bisher nicht wirklich beherrschen. Hier gilt noch immer: Unsere Produkte sind, allein schon wegen ihrer hohen Qualität, selbsterklärend. Falls es doch mal Probleme gibt, rückt der Kundenservice aus - oder der Kunde muss in die Werkstatt. Was aber, wenn die Produkte im ersten Wurf gar nicht so perfekt sein und vielleicht auch gar nicht mehr diese Perfektionsgrad erreichen müssen, da ihre Lebensdauer ohnehin begrenzt ist? Stattdessen handelt es sich künftig um einen kontinuierlichen Formwandel. Die Gefahr besteht, dass sich die deutsche Industrie mit ihrem Hang zum Over Engineering in eine Komplexitätsfalle begibt, wie sie Jürgen Kluge u.a. in Wachstum durch Verzicht. Schneller Wandel zur Weltklasse: Vorbild Elektronikindustrie thematisiert haben.

Was auffällt ist, dass Deutschland den Anschluss auf Gebieten verloren hat, bei denen es um den direkten Kontakt mit den Endkunden geht. Der PC wurde von Siemens und Nixdorf gleichermaßen verschlafen, die Produktion von Mobiltelefonen haben deutsche Hersteller ebenfalls aufgegeben, in der Unterhaltungselektronik spielen deutsche Unternehmen kaum noch eine Rolle, in der Musik- und Medienindustrie ist der Zug abgefahren, Softwareunternehmen, die für den Endverbraucher produzieren, sind hierzulande weitgehend Fehlanzeige, jedenfalls wenn es um globale, europäische Dimensionen geht. Im E-Commerce versucht Rocket Internet den Anschluss zu halten, jedoch nur noch mit Blick auf Europa und Afrika; Regionen, in denen Amazon, Alibaba & Co. noch keine Dominanz erreicht haben. Rocket Internet verweist immer wieder gerne auf ihren betont deutschen, ingenieursmäßigen Ansatz. Auch SAP kommt noch aus der alten industriellen, fast schon hegelschen Logik: Entweder, ihr passt eure Prozesse an unsere Software an, oder wir lassen es ... 

Da ist ein Perspektivwechsel nötig. Nicht unmöglich, aber auch nicht trivial ... Wenn wir das hinbekommen, ist unser Geschäftsmodell für eine gewisse Zeit "unkaputtbar". 

Weitere Informationen:

Hat Deutschland noch das richtige "Geschäftsmodell"?

Kann Deutschland keine Digitalisierung?

Donnerstag, 4. Juni 2015

"Der Aufstieg der Anderen. Das postamerikanische Zeitalter" von Fareed Zakira

Von Ralf Keuper

Mit der Veröffentlichung seines Buches Der Aufstieg der Anderen sorgte Fareed Zakira für einige Aufmerksamkeit. An Büchern, die vom bevorstehenden postamerkanischen Zeitalter künden, hat es in der Vergangenheit nicht gefehlt. Erwähnt sei nur das lesenswerte Buch Weltmacht USA: Ein Nachruf von Emmanuel Todd . Während Todd die USA vor allem wegen der Überdehnung ihrer Kräfte, infolge der militärischen Interventionen, im Niedergang sieht, ist Zakira deutlich optimistischer, was die Rolle der USA angeht. 

Das hindert Zakira jedoch nicht daran, die zahlreichen Indizien zu benennen, die darauf hinweisen, dass sich die Zeit der USA als unumschränkter Supermacht dem Ende nähert. Stattdessen werden die USA sich damit anfreunden müssen, dass die Länder Asiens, allen voran China, ernstzunehmende Gegenspieler und keine Statisten auf der Weltbühne (mehr) sind. Zwar werden die USA noch auf lange Zeit, so Zakira, die größte Wirtschafts- und Militärmacht der Welt bleiben, jedoch ohne den Anspruch auf Gefolgschaft erheben zu können, wie das in den letzten Jahrzehnten mehr oder weniger üblich war. Dafür sind China, Indien & Co. schlicht zu groß. Die Einwohnerzahlen Chinas und Indiens sind um ein Vielfaches höher, als die der Vereinigten Staaten. Diese Tatsache lässt sich nicht mehr länger übersehen, da China und Indien, wenngleich mit unterschiedlicher Geschwindigkeit, auf wirtschaftlichem Gebiet enorme Fortschritte erzielt haben. China ist seit geraumer Zeit der größte Gläubiger der USA. 

Lesenswert sind vor allem auch die Passagen, in denen Zakira einen Vergleich zwischen der Situation des britischen Empire gegen Ende des 19. Jahrhunderts und den USA des beginnenden 21. Jahrhundert zieht. Trotz etlicher Parallelen, ist Zakira nicht der Ansicht, dass die USA dem Schicksal des britischen Empire in absehbarerer Zeit folgen werden. Er schreibt:
Zunächst ist festzuhalten, dass der wichtigste Faktor für den Niedergang Großbritanniens - die unumkehrbare Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage - auf die Vereinigten Staaten so nicht zutrifft. Großbritannien wahrte seine unerreichte wirtschaftliche Sonderstellung ein paar Jahrzehnte lang, die USA wahren die ihre seit mittlerweile 130 Jahren. Mitt der achtziger Jahre des 19. Jahrhunderts setzte Amerika sich mit seiner Wirtschaftsleistung erstmals an die Weltspitze. Tatsächlich ist Amerikas Anteil am globalen Bruttosozialprodukt seitdem erstaunlich konstant. 
Die Bewertung Großbritanniens halte ich - bei allem Respekt - für ungerecht. Es ist schon ein Meisterstück der Geschichte, wenn ein relativ kleines Land wie Großbritannien es überhaupt geschafft hat, weite Teile der Erde zu kontrollieren, zumindest jedoch kulturell und ökonomisch entscheidend zu beeinflussen. Zwar räumt auch Zakira das indirekt ein, kommt jedoch schnell wieder dahin, die USA als die größte Macht aller Zeiten zu preisen, was historisch so nicht haltbar ist. Es hat andere Reiche gegeben, die für ihre Zeit mindestens so mächtig waren, wie die USA heute - und das über mehrere Jahrhunderte. 

Als weiteres Unterscheidungsmerkmal nennt Zakira die Ausgaben für das Militär:
Großbritannien beherrschte die Meere, aber nie das Land. Die britische Armee war so klein, dass der deutsche Reichskanzler Otto von Bismarck einmal spottete, sollten die Briten  je in Deutschland einmarschieren, würde er einfach die örtliche Polizei anweisen, sie festzunehmen.  ... Das amerikanische Militär dagegen hat in allen Bereichen - zu Land, zur See, in der Luft und im Weltraum - eine Vormachtstellung und gibt mehr aus als die nächsten vierzehn Staaten zusammengenommen.
Anders als viele Kritiker, darunter Emmanuel Todd, sieht Zakira in den Militärausgaben der USA ein Zeichen ökonomischer Stärke und nicht des drohenden Niedergangs:
Die Militärmacht der USA ist nicht die Ursache, sondern die Folge ihrer Stärke. Deren Triebkraft ist die ökonomische und technologische Basis, die weiterhin außerordentlich robust ist. Die Vereinigten Staaten sind mit größeren, gravierenderen und umfassenderen Herausforderungen konfrontiert als je zuvor in ihrer Geschichte, und der Aufstieg der Anderen lässt ihren Anteil an der Weltwirtschaftsleistung sinken. Aber dieser Prozess ist nicht vergleichbar mit dem steilen Niedergang Großbritanniens im zwanzigsten Jahrhundert, das sowohl in puncto Innovation als auch in den Bereichen Energie und Unternehmertum seine Vorreiterrolle einbüßte. Amerika wird eine vitale, dynamische Wirtschaft bleiben und bei den nächsten Umwälzungen in Naturwissenschaft, Technik und Industrie an vorderster Front stehen - solange es sich auf die Herausforderungen einstellen kann. 
Da ist was dran. 

Später kommt Zakira noch einmal auf den historischen Vergleich Großbritanniens mit den USA zu sprechen:
Die eigentliche Bewährungsprobe für die Vereinigten Staaten unterscheidet sich in gewisser Weise diametral von der, von der Großbritannien im Jahr 1900 stand. Die britische Wirtschaftsmacht schwand, während das Land seinen immensen und weltweiten politischen Einfluss aufrechterhalten könnte. Die amerikanische Wirtschaft und Gesellschaft hingegen können dem ökonomischen Druck und der Konkurrenz standhalten. Sie können sich anpassen und behaupten. Ihre eigentliche Feuerprobe ist politischer Natur - und muss nicht nur von Amerika als Ganzem, sondern insbesondere von Washington bestanden werden. Ist man dort in der Lage, sich auf eine Welt einzustellen, in der andere aufgerückt sind? Wir man dort Antworten auf die Machtverschiebungen in Wirtschaft und Politik finden? Hier ist die Außenpolitik sogar noch stärker gefordert als die Innenpolitik. Kann sich Washington wirklich damit anfreunden, dass es eine Vielzahl unterschiedlicher Stimmen und Standpunkte gibt? Kann es in einem Zeitalter Erfolg haben, das es nicht dominieren kann?
Das scheinen mir die wichtigsten Fragen zu sein. Schaut man sich das Agieren der amerikanischen Regierung allein im NSA-Skandal an, hat man den Eindruck, dass die USA hier noch einiges lernen müssen - ebenso aber auch Europa, die sich emanzipieren müssen. 
Europa kommt in dem Buch nur am Rande vor, und kommt auch dann nicht besonders gut weg. 

Natürlich hat das Buch auch Defizite. Die Tatsache des nach wie vor exorbitanten Ressourcenverbrauchs der USA findet ebenso wenig Erwähnung, wie die wachsende Ungleichheit und die Konflikte zwischen der weißen und schwarzen Bevölkerung. Ganz zu schweigen von den Exzessen an der Wall Street. So sehr der Vergleich mit Imperien aus der Vergangenheit auch dienlich ist, so muss man dennoch im Hinterkopf behalten, dass Geschichte sich nicht wiederholt, d.h. der Niedergang der USA kann noch aus ganz anderen Gründen geschehen, als uns heute plausibel erscheinen. Genannt seien externe Ereignisse, wie Klimakatastrophen oder Sonstiges. Aber auch innere Unruhen können den Abstieg einläuten. 

Auch für die USA gilt: Kein Reich währt ewig. 

Dennoch ist das Buch ein wichtiger Beitrag, um verstehen zu lernen, vor welchen Herausforderungen die USA und die Welt in den nächsten Jahrzehnten stehen werden. 

Mittwoch, 18. Februar 2015

"Krieg und Frieden. Die wirtschaftlichen Folgen des Vertrags von Versailles" von John Maynard Keynes

Von Ralf Keuper

Neben seinem epochalen Werk The General Theory of Employment, Interest and Money gehört Krieg und Frieden. Die wirtschaftlichen Folgen des Vertrags von Versailles, entstanden im Jahr 1920, zu den bekanntesten Werken von John Maynard Keynes

Im Zuge der anhaltenden Schulden-, Banken- bzw. Eurokrise, wie sie derzeit in Griechenland ihrem vorläufigen Höhepunkt entgegen eilt, gewinnt die Schrift wieder an Aktualität; so in dem Beitrag Germany 1919 — Greece 2015 auf dem Real-World Ecoonomics Review Blog.

Vor einigen Tagen widmete sich Rudolf Walther in der SZ vom 10.02.2015 in Der zweifelhafte Karthago-Friede ebenfalls der Frage, welche Konsequenzen, welche Lehren sich Stand heute aus dem Werk ziehen lassen. Resümierend hält Walther fest:
Keynes hat in einem bitteren Sinne recht behalten: Sein realistischer Vorschlag von 1920, die Reparationszahlungen auf 40 Milliarden Euro zu begrenzen, wurde faktisch realisiert, denn bis 1933 zahlte Deutschland ziemlich genau diesen Betrag. Die politischen Folgen und andere Kollateralschäden waren allerdings beträchtlich höher. 
Mit leicht resignativem Unterton hielt Harry Graf Kessler in seinem Tagebuch am 11. Mai 1922 fest:
Ganz realistisch .. betrachtet, sind nur zwei große Finanzoperationen oder Geldsummen nötig, um die Welt zu befriedigen und wieder auf die Beine zu stellen: vier Milliarden Goldmark = zweihundert Millionen Pfund für die Reparationen und eine halbe Milliarde bis eine Milliarde Goldrubel = fünfzig bis einhundert Millionen Pfund, um Russland wiederaufzubauen. Alles in allem rund zweihundertfünfzig Millionen Pfund. Und über dieses Geld, das reichlich da ist, verfügen die kleinen und großen anonymen, unfassbaren "investors" in England, Deutschland, Amerika, Frankreich, Neutralien. Die Summe ist kleiner, als was in einem Jahr für Militärbudgets ausgegeben wird. Aber es besteht kein Mittel .., den kleinen oder großen Kapitalisten sie abzulocken. Ungeheure, unangreifbare Macht des Kapitals! Nochmals: Das Schicksal und die Zukunft der Welt liegen in der Hand von verantwortungslosen, anonymen, in allen Staaten verstreuten nur nach der City und nach Wallstreet zu sich dichter konzentrierenden zahllosen einzelnen großen und kleinen Geldmachthabern. Dasselbe wiederholt sich natürlich bei allen Unternehmungen und Fortschritten .. , nur erscheint es in diesem Falle bei dem kolossalen Ausmaß der Verhältnisse und Schicksalsfragen, die hier in Spiele sind, besonders deutlich und verhängnisvoll. (in: Tagebücher 1918 - 1937)
Eine etwas andere Therapie empfahl der Bankier Felix Somary. In seinen Erinnerungen aus meinem Leben schreibt Somary in dem Kapitel Bankrott oder Währungsverfall 1919-1924:
Der Staatsbankrott ist ein einmaliger chirurgischer Eingriff, die Inflation ist permanent. Nach der Streichung der Staatsschulden kann man sofort neu finanzieren, bei Inflation muss man warten, bis die Währung sich ausgelaufen hat. So große Verluste der Staatsbankrott bringt, er klärt die Lage, und der Gesamtschaden ist mit den furchtbaren Endstadien der Inflation nicht zu vergleichen. Ich bin heute mehr als je der Meinung, mit meiner Ansicht im Recht zu sein. Viel Erbärmliches aus der Zeit seither wäre und durch sofortigen Staatsbankrott erspart geblieben - die ununterbrochenen Geldfälschungen, die Zerstörung des Vertrauens in die Regierung, die Prostitution der Wirtschaft, die das kriminelle Verhalten ihrer Regierungen so vielfach knechtisch zu rechtfertigen suchte. Die Banken leisteten den stärksten Widerstand - aber sie wären beim Staatsbankrott besser gefahren, sie hätten ihre Bilanzen sofort saniert; so schleppten sie sich in Berlin, Wien und Budapest mit immer erneuerten einzelnen Zusammenbrüchen noch ein Jahrzehnt fort, bis dann die große Krise die wirkliche Lage enthüllte.
Von Keynes, dem er einmal persönlich begegnete,  und dessen Wirtschaftspolitik hielt Somary übrigens nur sehr wenig.

Sicher: Es handelt sich hierbei um Parallelen in der Geschichte. Vielleicht aber lässt sich daraus doch, die eine oder andere Erkenntnis gewinnen, um zu verhindern, dass die Geschichte sich - in Teilen - wiederholt. 

Wie sagte doch George Santayana:
Wer sich der Geschichte nicht erinnert, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen. 
Übrigens: Die letzte Rate der Reparationszahlungen aus dem Ersten Weltkrieg in Höhe von 200 Millionen Euro beglich Deutschland im Herbst 2010(!)

Weitere Informationen:


Samstag, 14. Februar 2015

"Cheaponomics: The High Costs of Low Prices" von Michael Carolan

Von Ralf Keuper

In der Süddeutschen Zeitung vom 10.02.2015 bespricht Adrian Lobe in dem Beitrag Die hohen Kosten niedriger Preise das Buch Cheaponomics: The High Costs of Low Prices von Michael Carolan.

Darin belegt Carolan, dass billig letztendlich sehr teuer kommt. Lobe schreibt dazu:
Die Quittung für diese Billigwirtschaft bekommen wir erst mit zeitlicher Verzögerung: In Form von Volkskrankheiten, Umweltschäden oder Armut. Carolans Kernargument ist, dass die Kosten für die Allgemeinheit abgewälzt werden: über Steuern, Subventionen, und vor allem ökologische und soziale Folgekosten. Wenn die in China hergestellte Mikrowelle billiger ist als der Gemüsekauf beim lokalen Biobauern, läuft etwas schief. Carolan argumentiert, dass das Preissystem nicht funktioniert und falsche Anreize schafft. Wir kennen das aus dem Alltag: Das T-Shirt gibt es für drei Euro, das Kilo Schweinehals bisweilen für zwei Euro, und den Burger bei der Fast Food-Kette für 1,50 Euro. Günstig ist das Gift der Gesellschaft, in der immer noch das "Geiz-ist-geil"-Credo aus der Werbung nachhallt.
Mit einer Lenkungsabgabe für Wasser und Energie will Carolan der Billig-Wut entgegenwirken. Um damit nicht die Schwächsten zu treffen, tritt er für Freibeträge ein. Lobe schreibt weiterhin:
Der Autor unterbreitet den interessanten Vorschlag, dass Internetkonzerne wie Facebook oder Google für den immensen Energieverbrauch ihrer Rechenzentren besteuert werden sollen. Zusammengerechnet verbrauchen alle Serverfarmen dieser Welt mehr Energie als Deutschland. 
Kann man drüber diskutieren.

Weitere Informationen:

Billig ist in Wahrheit teuer