Mittwoch, 30. April 2014

"Kinder. Der Tod ist gar nicht so schlimm. Über die Zukunft der Musik- und Medienindustrie" von Tim Renner

Von Ralf Keuper

Was waren das doch noch für Zeiten als Bertelsmann, News Corporation, Vivendi, Sony und Time Warner das internationale Mediengeschäft unter sich aufteilen konnten. Es hätte auch alles so bleiben können, wenn nicht Google, Apple und Amazon das Mediengeschäft quasi über Nacht an sich gerissen hätten. Seitdem dominiert Amazon den Buchhandel, im Musik- und Filmgeschäft kommt kaum noch jemand an Apple vorbei und für die Informationssuche im Internet ist Google der Platzhirsch. Was bei Google nicht gefunden wird, gibt es eigentlich nicht. Da bleibt für die Majors häufig nur noch die Statistenrolle und die Beschwörung des eigenen, unverwechselbaren Contents, der letztlich doch nur Massenware ist. 

Tim Renner, einige Jahre Chef von Universal Music in Deutschland und seit kurzem Kulturstaatssekretär von Berlin, legt in seinem Buch Kinder. Der Tod ist gar nicht so schlimm. Über die Zukunft der Musik- und Medienindustrie den Finger in die Wunde. 
Renner beschreibt einen Zustand satter Zufriedenheit, der sich bei den Majors über die Jahrzehnte hatte bilden können. Wozu innovativ sein, wenn Künstler, Kunden und Handel eh nicht an uns vorbei kommen? 
Vertikale Integration scheint für die Musikindustrie eigentlich immer nur zu bedeuten, dass sie sich integrieren lässt, sobald eine technische Innovation durchzusetzen ist. Auch in Zeiten gewaltiger Umsätze und Renditen, ob in den zwanziger, sechziger, siebziger oder neunziger Jahren, unternahm sie selbst nie einen ernsthaften Anlauf, den Spieß umzudrehen, die Geräte offensiv an sich zu binden und somit Entwicklungen selbst moderieren zu können. Es scheint, als würde sich die Innovationskraft der Musikfirmen in der Konzentration auf den Inhalt erschöpfen. Als gesellschaftlicher Treiber agieren die Künstler und ihre Inhalte. Als Firmen werden sie weiterhin getrieben - von technologischen Neuerungen.
Die Fixierung auf Zahlen, die Bevorzug der Quantität vor der Qualität hat in keinem Bereich so tiefe Wurzeln geschlagen wie im Privatfernsehen und inzwischen auch im öffentlich-rechtlichen Fernsehen: 
Schritt für Schritt begannen die privaten Anbieter, ihre Logik der Quantität, der Reichweite, der Zielgruppenpräsenz auf die gesamte Fernsehlandschaft zu übertragen. Auf welche Weise die Zuschauer mit dem umgehen, was sie sehen, ob und wie Fernsehen sie bewegt hat, wird immer weniger wichtig - das Einzige, was in den Sendern zählt, wenn am Morgen nach der Ausstrahlung die Quoten herumgereicht werden, ist die schlichte Zahl. Und bei den Analysten in den Sendern ist Musik zunehmend verpönt, denn sie führt zu Dellen in der Quotenkurve, zu den verhassten >Umschaltern<. Der Grund ist einfach: Alles, was emotional ist, führt auch zu Ablehnung. Je emotionaler, umso heftiger. Je heftiger, um so schneller wird umgeschaltet. Da sich die Qualität von Musik und ihrer Darbietung aber nun mal danach bemisst, so emotional wie möglich zu sein, widerspricht das zutiefst einem Fernsehideal, das auf stabilen Quoten, auf purer Quantität beruht.
Den Managern sei über die Jahre, so Renner,  das Gespür für den Wert von und für Qualität abhanden gekommen. Ausschlaggebend ist die Logik aus den Anfängen der Massenproduktion. Standardisieren wo es nur geht, und dann die Produkte mit der vollen Wucht des Marketing in den Markt pumpen. Da kann es auch ruhig Verschnitt geben; Hauptsache unterm Strich bleibt genügend hängen und die Verkaufszahlen stimmen. Keine Frage: Diese Logik hat(te) etwas für sich und für lange Zeit gab den Managern der Erfolg auch recht. 
Nur wenige waren, wie der legendäre Monti Lüftner von Ariola/Bertelsmann, mit einen sicheren Gespür für Zahlen und Qualität ausgestattet, wenngleich auch hier stets der Massenmarkt das Ziel war. 

Renner fordert eine Abkehr von diesem eindimensionalen Denken: 
Wir müssen damit aufhören, uns hinter einem vermeintlichen Plebiszit der Effizienzanalysen zu verschanzen, die wir für enorme viel Geld von Beraterfirmen einkaufen. Die Wirtschaft braucht Entscheider, die den Mut haben, auch mal Fehler zu machen, und die Konsequenzen aus diesen ziehen. Wir brauchen keine Managementtechnokraten, die das verfügbare Kapital in Gefälligkeitesgutachten und Stauts-quo-Analysen investieren, sondern Persönlichkeiten, die ihre Geschäft verstehen und Werte produzieren - statt Entschuldigungen und Erklärungen.
Alles in allem eine treffende Zustandsbeschreibung. Die Diagnose gilt dabei keineswegs nur für die Musik- und Medienindustrie, sondern für alle Unternehmen, deren Geschäftsmodelle durch die Digitalisierung unter Druck geraten, wie Banken.  

Sonntag, 27. April 2014

"A Nation Transformed by Information" von Alfred Chandler u.a.

Von Ralf Keuper

An kaum einer anderen Nation lässt sich die Bedeutung der Informationsübermittlung für die Entwicklung von Wirtschaft und Gesellschaft so veranschaulichen wie an den USA. Das Buch A Nation Transformed by Information, deren Mitherausgeber der renommierte Wirtschaftshistoriker Alfred Chandler ist, spürt den verschiedenen Pfaden nach, auf denen die Informationsübermittlung  entscheidend mit dazu beigetragen hat, große räumliche Distanzen zu überwinden und den Bewohnern das Gefühl zu geben, Teil einer einzigen Nation zu sein.

Startschuss war der Post Office Act aus dem Jahr 1792, in dessen Folge unter Benjamin Franklin auf Basis des königlichen Postsystems ein neues Postwesen mit entsprechender Infrastruktur errichtet wurde. Aufgabe der Post war es nicht nur Briefe zu transportieren, sondern auch Zeitungen. Bereits 1779 betrug der Anteil der Zeitungen an dem Transportgewicht 70 Prozent, während der Anteil an den Transporteinnahmen mit 3 Prozent verschwindend gering war. Um die landesweite Versorgung mit Zeitungen zu garantieren und den Informationsfluss nicht versiegen zu lassen, subventionierte der Kongress daher die Postgesellschaften.
Der nächste Schub setzte mit dem Bau der Eisenbahnstrecken ein. Bereits Mitte der 1840er Jahre wurden zwei Drittel des Versands von Briefen und Zeitungen mit der Bahn abgewickelt. Die auf die Erfindung von Samuel Morse zurückgehende Telegrafie diente in erster Linie der Koordination der Transporte. Erst mit dem Telefon wurde die Kommunikation privater und lokaler. Bis Ende der 1930er Jahre betrug der Anteil der Telefonate zwischen den Bundesstaaten lediglich zwei Prozent. Auch nach dem 2. Weltkrieg ersetzte die Informationsübermittlung mittels Bahn nicht das Telefon, sondern ergänzte es.

Insgesamt war das Land am Ende des 19. Jahrhunderts von einer Informations-Infrastruktur durchzogen, die ein optimaler Resonanzboden für das beginnende Industriezeitalter war:
By the end of the nineteenth century the information infrastructure for the Industrial Age was solidly in place. The railroads had consolidated their activities into a small number of large systems. 
Zu dieser Zeit entstanden auch die ersten IT-Unternehmen, wie das älteste IT-Unternehmen der Welt, National Cash Register (NCR), das auch heute noch aktiv und der weltweit führende Hersteller von Geldautomaten und Kassensystemen ist. Daneben beherrschten Unternehmen wie die Bell Company und AT&T das Geschäft mit der Telekommunikation. Es schlug die Stunde der ersten Großkonzerne. Diese waren für die Koordinierung ihrer vielfältigen Aktivitäten wie auch für ihre Buchführung auf Maschinen angewiesen, die für die Dokumentation und Verbreitung betrieblicher Informationen sorgten. Neben der bereits erwähnten NCR zählten Remington-Rand, Honeywell und Burroughs zu den ersten Herstellern von Schreib- bzw. Büromaschinen. 

Als dann noch die großen Radiogesellschaften wie die Radio Corporation of America (RCA) und CBS in den 1920er Jahren die Medienindustrie begründeten, klopfte bereits das Informationszeitalter an die Tür. In etwa zur selben Zeit begann IBM seinen kometenhaften Aufstieg zum weltweit größten Hersteller von Büromaschinen und Computern. Bis zum Anfang der 1980er Jahre beherrschte IBM das Geschäft mit Computern bzw. Großrechnern. Der erste industriell hergestellte PC der Welt war der Commodore PET 2001, der 1977 vorgestellt wurde. Im Jahr 1981 brachte IBM seinen ersten PC auf den Markt. Im Gegensatz zu Apple, die bereits damals schon den proprietären Ansatz verfolgten, war der PC von IBM als offenes System konzipiert. Damit bot IBM jungen Unternehmen die Gelegenheit, von der Entwicklung hin zur dezentralen Informationsverarbeitung zu profitieren, wie später dann das Internet. Einer der größten Profiteure dieser Offenheit war übrigens Microsoft. 
.. by making its PC an open system, IBM created an uprecedented opportunity for both existing and startup companies to enter this new market, an opportunity denied by Apple and other existing proprietary systems. 
Ein anderer Hersteller, der einen betont proprietären Ansatz verfolgte, war die Digital Equipment Corporation (DEC). Anders als Apple ist DEC diese Philosophie nicht bekommen. 

Von nicht zu unterschätzender Bedeutung für die Verbreitung des PC und der dezentralen Informationsverarbeitung waren leistungsfähige Halbleiter und Mikroprozessoren. Nachdem sie bei dem Pionier der Branche, Fairchild Semiconductor, für sich keine Perspektive mehr sahen, beschlossen George Moore, Robert Noyce und Andy Grove das Unternehmen zu verlassen und ihr eigenes zu gründen: Intel. 

Bis heute dominiert Intel den weltweiten Markt für Mikroprozessoren. 

Inzwischen stehen wir an einer neuen Schwelle des Informationszeitalters. Das Web 2.0 hat neue Geschäftsmodelle ermöglicht, die von unzähligen Startups an den Markt gebracht werden. Internetgiganten wie Google, Amazon, Alibaba und Paypal sind dabei ganze Branchen zu revolutionieren - vom Handel, über Bankgeschäfte bis hin zu Automobilen. IBM mischt noch immer kräftig mit, wie mit dem Supercomputer Watson. Seinen Schwerpunkt hat das Unternehmen in den letzen Jahren von der Hardware auf die Software und Beratung verlegt. Neben der Informationsübermittlung hat die Analyse der Informationsmengen großes Gewicht bekommen. Das Schlagwort hierfür heisst Big Data.  

Freitag, 25. April 2014

"Technolution. Wie unsere Zukunft sich entwickelt" von Matthias Horx

Von Ralf Keuper

Der bekannte Trend- und Zukunftsforscher Matthias Horx entlarvt in seinem Buch Technolution viele der Verheißungen, die uns von den Technologie-Evangelisten angepriesen werden, als Luftschlösser. So legt er dar, weshalb das papierlose Büro ebenso wie das E-Book das Papier nicht vollständig verdrängen werden. Neben dem bekannten Argument, dass bisher noch kein neues Medium die bestehenden vollständig hat ersetzten können und dem Hinweis, dass weltweit mehr statt weniger gelesen wird (allein schon wegen der fortschreitenden Alphabetisierung), bringt er einen weiteren wichtigen Punkt:
Drittens sind Bücher eben keine >Daten<, sondern kulturelle Artefakte, mit denen uns eine Vielzahl von haptischen, olfaktorischen, optischen und anderen sinnlichen Signalen verbindet. Bücher sind >Stellvertreter von Ideen< - und gerade deshalb benötigen sie eine starke physische Dimension.
Schlecht schneiden auch der "intelligente Kühlschrank" und Human-Roboter ab. Gegen ersteren wendet Horx ein, dass er durch seine Komplexität die Flexibilität der Menschen einschränkt. Hier wird die Logik der Bürowelt auf die Familienwelt übertragen. Dabei handelt es sich jedoch um zwei völlig unterschiedliche Bereiche. Effizienz und Optimierung sind innerhalb der Familie nur begrenzt von Nutzen. Horx zitiert u.a. den Microsoft-Forscher James Taylor:
>Familiäre Organisationsmittel sind oft auf eigentümliche Weise persönlich. Effizienz und Optimierung können in der häuslichen Umgebung eine ganz andere Bedeutung haben als im Büro<. 
Dem fügt Horx hinzu: 
Familiäre Kommunikation erfordert eine empfindliche Balance aus Informiertheit, Ahnungslosigkeit, von Weg- und Hinhören, aus Sensibilität und Ignoranz.  
Der Technologie an sich wohnt kein Automatismus inne, der unaufhaltsam in eine bestimmte Richtung läuft. Horx schreibt:
Technik, so die grundlegende These dieses Buches, ist kein zwangsläufiger automatischer Prozess, auf dem wir >unweigerlich< in die Zukunft getrieben werden. Technologien sind das Resultat von menschlichen Dispositionen und Vereinbarungen, von Wünschen und Träumen, Hoffnungen, Kompensationen und Ängsten. Technologie ist ein lebendiges System, eben eine >Evolution<. Und wie bei allen lebendigen Systemen können wir, wenn wir aufmerksam den Organismus und seien Umwelt beobachten, etwas über seine Zukunft aussagen. 
Die These verfolgt Horx im weiteren Verlauf weiter. Er liefert dabei eine Vielzahl weiterer Argumente und Beispiele. 

Das Buch ist alles andere als technikfeindlich. Jedoch macht es deutlich, dass Technologie nicht ohne den sozio-kulturellen Zusammenhang gesehen werden kann, wenn sie wirklich erfolgreich sein will. 



Freitag, 11. April 2014

"New Business Order. Wie Start-ups Wirtschaft und Gesellschaft verändern" von Christoph Giesa und Lena Schiller-Clausen

Von Ralf Keuper

Derzeit ereignet sich an vielen Stellen in der Welt eine "Startup-Explosion" (The Economist). Betroffen sind davon vorwiegend die urbanen Zentren in den fortgeschrittenen Industrienationen. Legendär ist inzwischen der Ruf des Silicon Valley als Brutstätte kleiner Unternehmen, die in nur wenigen Jahren das Gesicht ganzer Branchen verändert haben, wie facebook und Google. Diese Entwicklung geht auch an Deutschland, wenngleich zeitverzögert, nicht vorbei. Auch hierzulande haben sich Startup-Ökosysteme entwickelt, die eine fast schon magische Anziehungskraft auf angehende Unternehmer, Talente, Wissenschaftler und Investoren ausüben - allen voran Berlin. 
Schon heute gilt Berlin als einer der attraktivsten Standorte für die Ansiedlung von Startups weltweit. In Europa nur noch von London übertroffen. 
Aber auch in München, Hamburg und Köln haben sich in den letzten Jahren Startup-Ökosysteme entwickelt, die den Vergleich mit Berlin nicht scheuen müssen, obschon sie - absolut  gesehen - das Niveau der Spree-Metropole nicht erreichen.

Jedenfalls mehren sich die Anzeichen, dass es sich hierbei um mehr als nur einen vorübergehenden Trend handelt. Eher kündet diese Entwicklung, wie Christoph Giesa und Lena Schiller Clausen in ihrem Buch New Business Order. Wie Start-ups Wirtschaft und Gesellschaft verändern schreiben, von einem tiefgreifenden Wandel, von dem nicht nur die Arbeitswelt, sondern die ganze Gesellschaft betroffen ist. Die Zeiten der Standardisierung wie auch der Effizienzsteigerung um ihrer selbst willen scheinen dem Ende entgegen zu gehen. Zu turbulent ist im digitalen Zeitalter die Geschäfts- und Arbeitswelt geworden, als dass man sie noch in Schablonen und Programme fassen könnte. Benötigt werden flexiblere Organisationsformen, die eine rasche Anpassung an die Veränderungen in der Umwelt, seien sie technologischer, ökonomischer oder politischer Art, ermöglichen. Gefordert sind dezentrale Strukturen, d.h. die Entscheidungsgewalt konzentriert sich nicht mehr länger in der Unternehmensspitze, sondern wir dorthin verlagert, wo die eigentliche Arbeit anfällt: An die Kundenfront. 

Während sich große Konzerne schwer tun, ihre Organisationsstrukturen den veränderten Bedingungen anzupassen, kommen sie den jungen Unternehmen, den Startups, entgegen. Unsicherheit und permanente Kursänderungen sind fast schon ihr Lebenselixier. Auch in der Vergangenheit gab es Organisationen, die erfolgreich als Netzwerk agiert haben, wie die Deutsche Hanse des Mittelalters. Ohne zentrale Instanz, gleichberechtigt, gelang es den Hansestädten sich über Jahrhunderte als führende Handelsmacht im Ostseeraum zu etablieren. Als man jedoch begann, bürokratische Strukturen zu installieren, war es mit der Dynamik vorbei; ein Grund für den Niedergang der Hanse. 
Heute kommen unzählige Beratungsansätze und Markforschungsberichte hinzu, die auf eine Vereinheitlichung des Denkens und Handelns in der Wirtschaft hinwirken. Startups entziehen sich diesem Zwang, indem sie ihren Unternehmensapparat so schlank wie möglich halten und ihre Produkte oder Dienstleistungen permanent am Markt prüfen. Unterstützt werden sie dabei häufig von Investoren, Inkubatoren und Acceleratoren, die sich darauf spezialisiert haben, Startups in der schwierigen Anfangsphase zu begleiten. Das Engagement kann sich dabei auf das reine Investment beschränken, aber auch gezielte Programme, die über einen längeren Zeitraum laufen, umfassen. Häufig handelt es sich um eine Kombination aus beidem. Als weitere Finanzierungsmöglichkeit bietet sich für Startups unter Umständen auch das Bootstrapping an, d.h. die Finanzierung aus eigenen Mitteln. Hierbei geht das Startup bewusst in kleinen, überschaubaren Schritten vor. Häufig sind die Unternehmensgründer noch als Arbeitnehmer tätig. 

Welche Finanzierungsform man auch wählt - entscheidenden Einfluss auf den Erfolg hat das Netzwerk, in dem sich das Startup bewegt, dem es Input liefert, von dem es aber auch gestützt und - im weiteren Sinne - versorgt wird. Hierzu zählen Events, Barcamps, Netzwerktreffen, Coworking Spaces ebenso wie die Verkehrsinfrastruktur und die Kulturszene bis hin zu Universitäten und Instituten. In Berlin kommen noch zahlreiche Kreativ- und Innovationslabs hinzu. Einer der Vorzüge Berlins aus Sicht von Startups ist die Gegenkultur, die für ein tolerantes Klima sorgt. Für Richard Florida ist ein hohes Maß an Toleranz gegenüber abweichenden Meinungen und Lebensstilen eine der Voraussetzungen dafür, damit sich in einer Stadt eine lebhafte kreative Szene bilden kann. Auch in Unternehmen kann eine "konstruktive Opposition" nicht schaden. Als Beispiel nennen Giesa und Schiller Clausen u.a. die Synaxon AG. 

Die Zukunft der Arbeitswelt ist nach Ansicht von Giesa und Schiller Clausen von Projektnetzwerken geprägt. In Anlehnung an die Arbeiten von Chiapello und Boltanski soll die Ablehnung hierarchischer Strukturen zu einer Aufwertung von Eigeninitiative, Risikobereitschaft und Selbstorganisation führen. Der Mensch bewegt sich von Projekt zu Projekt; "Das Leben als Projekt", wie es Boltanski einmal formuliert hat. Die Aufgaben wechseln ebenso beständig wie die Menschen, mit denen man für eine begrenzte Zeit zusammenarbeitet. Das Projekt als Sinnstifter?
Waren im Zeitalter der Massenproduktion die Economies of Scale oder Ecomomies of Scope das Maß der Dinge, übernehmen diesen Status in der digitalen, vernetzten Ökonomie laut Giesa und Schiller Clausen die Economies of Adequacy. Darunter ist die adäquate Positionierung des Unternehmens bezogen auf die drei Achsen Größe, Verbund und Flexibilität zu verstehen. Statt nur eine der Achsen, Dimensionen zu optimieren oder zu maximieren, gilt es alle drei gleichzeitig zu fördern. Auf diese Weise soll beispielsweise verhindert werden, dass einige Kunden eine zu große Bedeutung für das Überleben des Unternehmens bekommen. Die Abhängigkeit von äußeren Faktoren soll auf ein gesundes Maß reduziert werden. 

Mit Gewerkschaften, Parteien, Verbänden und Ökonomen können Giesa und Schiller Clausen nicht allzu viel anfangen. Zu sehr sind sie noch dem Denken des Industriezeitalters verhaftet. Wer beispielsweise noch immer an den Homo Oecnomicus und effiziente Kapitalmärkte glaubt, ist noch nicht im neuen Zeitalter angekommen. 

Das Buch verstrahlt eine große, gleichwohl nicht übertriebene Portion Optimismus, was die Zukunft der Arbeitswelt und der Gesellschaft betrifft. Von der Argumentation her hat es Ähnlichkeit mit Büchern wie Alles, außer gewöhnlich von Kreuz und Förster oder Die kreative Revolution. Was kommt nach dem Industriekapitalismus? von Wolf Lotter u.a. 

Man muss nicht alle Aussagen des Buches teilen - warum auch? Die Stimmen, die auf Parallelen zwischen der Dotcom-Blase und der aktuellen Startup-Explosion hinweisen, mehren sich - vor allem im Ausland. Bei aller Begeisterung für Startups, muss auch erwähnt werden, dass ihre Überlebensrate sehr gering ist. Manche Schätzungen gehen gar davon aus, dass nur 10 Prozent der Startups überleben. 

Auch wird sich noch zeigen müssen, ob Risikobreitschaft, Eigeninitiative und Selbstorganisation wirklich so segensreiche Konsequenzen für die Menschen hat, wie Giesa und Schiller Clausen annehmen. Solange Akteure wie einige Banken ihre Verluste sozialisieren und ihre Gewinne ungehindert privatisieren können, besteht noch Verbesserungsbedarf. Es bleibt zu klären, wie groß das Ausmass von Risiken ist, die sich nur auf gesellschaftlicher Ebene begrenzen lassen. Einzelpersonen, ganz gleich wie flexibel oder kreativ sie sind, stossen hier an Grenzen. Hier brauchen wir neue Ansätze. 

Die Kritik soll nicht darüber hinweg täuschen, dass das Buch zahlreiche wertvolle Hinweise und Gedanken enthält, die zeigen, dass wir uns in großen Schritten in eine andere Welt bewegen. Die Startups sind Vorboten des Wandels. Ob sie mehr sind als das, wird die Zukunft zeigen.

Kurzum: Die Lektüre lohnt sich. 

Samstag, 5. April 2014

Skalenfreie Netze

Von Ralf Keuper

In den vergangenen Jahren haben sich, u.a. beflügelt durch die Verbreitung des Internet, mehrere Forscher mit der Frage der Attraktivität, der Fitness von Netzwerken beschäftigt, wie Albert Lászlo Barabási mit seinem Modell der skalenfreien Netzwerke. Darin hebt Barabasi die Bedeutung "prominenter Knoten", Naben (Hubs) für die Fitness eines Netzwerks hervor. 
Demzufolge gibt es in einem Netzwerk kein Standardmaß für "normale" Naben - daher Skalenfrei. 

Skalenfreie Netzwerke verfügen über eine hohe Widerstandsfähigkeit gegen zufällig auftretende Störungen, sind aber auf der anderen Seite äußerst anfällig, wenn eine oder mehrere zentrale Naben Ziel eines koordinierten Angriffs sind. Untersuchungen zufolge bricht ein skalenfreies Netzwerk zusammen, wenn zwischen 5 und 15 Prozent seiner Naben, zum Beispiel durch Computerviren, attackiert und zerstört werden. 

Dem Modell skalenfreier Netzwerke kommt das Internet sehr nahe. Durch die Kenntnis der Schwachstellen skalenfreier Netzwerke ist es möglich, Gegenmaßnahmen zu deren Schutz zu ergreifen. Den Naben eines skalenfreien Netzwerkes könnte man mit einiger Berechtigung zugestehen, ähnlich wie einige Banken derzeit, "systemrelevant" zu sein.  

Weitere Informationen:



Freitag, 4. April 2014

Standorttheorie 2.0

Von Ralf Keuper

Die Theorie der unternehmerischen Standortwahl von Alfred Weber, jüngerer Bruder von Max Weber, und überdies Doktorvater von Franz Kafka und Erich Fromm, zählt noch immer zu den brauchbarsten ihrer Art, obwohl sie bereits 1909 erschien und auf das damals im Zenit stehende Industriezeitalter ausgelegt war. Weber ging in seiner Theorie von der Gewinnmaximierungsabsicht der Unternehmer aus, die als Einzelpersonen nach den Prinzipien des Homo Oeconomicus, d.h. stets rational und auf Basis (nahezu) vollständiger Information, handelten. Wesentlich für die Standortwahl sind nach dem Modell Webers die Transportkosten, die bei den Rohstofflieferungen und/oder für die Distribution zu den Kunden anfallen. Weiteres Kriterium sind die Arbeitskosten.

Bei den Rohstoffen unterschied Weber zwischen lokalisierten, d.h. am Standort vorhandenen, und ubiquitären, d.h. standortungebundenen. Mittels eines aufwendigen Rechenverfahrens wird der optimale Standort bestimmt. Abgewogen wird dabei u.a. zwischen dem Materialstandort, dem Konsumort und dem Standort mit den niedrigsten Arbeitskosten.

Im Zeitalter der digitalen Ökonomie sind viele der Annahmen aus Webers Modell kaum noch zu verwenden. Jedoch sind eine wichtige Parallelen vorhanden. Die >Information Centric Industries< wie Banken, Versicherungen, IT- und Medienunternehmen verarbeiten ubiquitäre Rohstoffe – Daten und Informationen. Diese Rohstoffe sind prinzipiell an keinen Standort gebunden. Als Kostenfaktor ins Gewicht fallen neben den Ausgaben für das Personal und Miete insbesondere auch die Energiekosten, die nicht unwesentlich sind. Weiterhin sind steuerliche Fragen ebenso für die Standortwahl von Bedeutung wie der Zugang zu Fördermitteln und wichtigen Kontakten (Investoren, Wissenschaftler, Kommunalpolitiker, Wirtschaftsförderer etc). Die unmittelbare Nähe zu den Abnehmern ist im Vergleich dazu anscheinend von untergeordneter Bedeutung, was vielleicht auch erklärt, dass Berlin, trotz seiner geringen Zahl von Banken und Industrieunternehmen, eine hohe Anziehungskraft für Startups besitzt.

Eine Standorttheorie 2.0 ist demnach mehr als überfällig. Ansätze, wie die von Richard Florida und Ernest J. Wilson,   weisen zwar in die richtige Richtung, reichen m.E. aber nicht aus, um eine ausreichende Erklärung dafür zu liefern, welche Standorte im digitalen Zeitalter für Firmengründungen besonders geeignet sind.