Samstag, 17. Mai 2014

"Das Buch vom Markt. Eine Wirtschafts- und Kulturgeschichte" von Gerd Hardach und Jürgen Schilling

Von Ralf Keuper

Nur wenige Autoren haben sich wohl so intensiv mit der Geschichte des Marktes beschäftigt wie Gerd Hardach und Jürgen Schilling in Das Buch vom Markt. Eine Wirtschafts- und Kulturgeschichte.

Das wirtschaftliche Leben begann mit der Sesshaftwerdung der Menschen: 
Nach der Sesshaftwerdung, aber schon vor dem Übergang zur Metallkultur, lassen die archäologischen Funde einen erstaunlich weiträumigen Handel mit Feuerstein, Muschelschmuck, Bernstein und Obsidian erkennen. 
"Mutter" aller Handelskontore war das altassyrische Kontor in Kanis. Die ersten, für die damaligen Maßstäbe, global agierenden Kaufleute waren die Phönizier:
Die Stärke der phönizischen Kaufleute lag darin, dass sie alle nur denkbaren Bezugsquellen erschlossen, um ein interessantes und vielfältiges Angebot des gehobenen Bedarfs zu präsentieren. Auf diese Weise ließen sich große Handelsgewinne auch in einer Zeit erzielen, in der der Markt noch nicht den Massenbedarf des Alltagslebens vermittelte. Nicht die Quantität, sondern die Qualität brachte den Gewinn. 
Verwundert stellen Hardach und Schiller fest, dass die Phönizier trotz ihres ausgeprägten Geschäftssinns, eher zögerlich zum Gebrauch von Münzen übergingen:
Erstaunlich bei alledem, dass die Phönizier trotz ihres regen Handels erst relativ spät zu gemünztem Geld übergingen. Die ersten phönizischen Münzen sind die von Tyrus um 450 v. u. Z. , also 200 Jahre nach der Einführung des Münzgeldes durch die Lydier. 
Danach verliehen die Griechen und Römer dem Handel neuen Schwung. In der Antike setzte sich der Markt als zentraler Ort für den Handel durch:
Die Versorgung der städtischen Konsumzentren war die wichtigste Grundlage der Kommerzialisierung in der antiken Wirtschaft. Denn wenn die Versorgung auch als politische Aufgabe galt und in mehr oder weniger starkem Maße staatlich gelenkt wurde, so spielte der Markt hierbei doch stets eine große Rolle. Ein Netz von Märkten war erforderlich, um die Importwaren in den Produktionsgebieten zu erfassen, auf den oft weiten Wegen umzuschlagen und schließlich an die städtischen Konsumenten zu verteilen. Luxusgüter für die Oberschicht wurden oft über größere Entfernungen transportiert.
Die Arbeitsteilung war bei alledem noch schwach ausgeprägt bzw. kaum bis gar nicht vorhanden:
Auffällig ist die geringe Entwicklung industrieller Arbeitsteilung und Spezialisierung. Die städtischen Gewerbe produzierten im wesentlichen für den eigenen Bedarf, darüber hinaus wohl auch für regionale Märkte. ... Antike Städte waren bedeutend als Ort der Verwaltung, der Kulte, als Wohnsitz reicher Grundbesitzer, gelegentlich auch als Handelsplatz, aber nicht als Gewerbezentrum. 
Im alten Griechenland wurde lange Zeit streng zwischen Versammlungsort und Markt unterschieden:
Möglicherweise hat der Markt sich im Anschluss an die politischen Versammlungen entwickelt; sicher ist, dass der Markt, ob im Anschluss an politische Versammlungen oder als besondere Veranstaltung häufig auf dem freien Platz mitten in der Stadt abgehalten wurden. In Thessalien und in Sparta blieben Ratplatz und Marktplatz getrennt. Aristoteles hielt diese strikte Trennung für wünschenswert. 
Nach dem Untergang des weströmischen Reiches kam der (Fern-)Handel fast vollständig zum Erliegen:
Die Bischofssitze in Paris, Trier, Köln, Regensburg bewahrten auch nach dem Zusammenbruch der römischen Verwaltung eine urbane Tradition. Lokale Märkte, die vorher ihm Rahmen der >civitates< bestanden hatte, existierten fort. Und auch der Fernhandel hörte nie ganz auf. 
Erst im 10. Jahrhundert blühten Handel und Gewerbe in Europa wieder auf:
Das 10. Jahrhundert war ein Wendepunkt in der Entwicklung der europäischen Wirtschaft; manche Historiker sehen hier den Beginn der frühen >kommerziellen Revolution<. Bevölkerung, Produktion und Verbrauch nahmen zu, alte städtische Zentren belebten sich und neue entstanden, der Fernhandel wurde intensiver und erreichte neue, bislang unerschlossene Regionen. .. Die aufstrebenden italienischen Städte rivalisierten erfolgreich mit dem Orient, der seit dem Ende der Antike wirtschaftliches Zentrum der mediterranen Welt war, holten ihn ein und überflügelten ihn. Oberitalien übernahm die wirtschaftlich Führungsrolle. 
Der Besuch eines Marktes blieb jedoch für die Mehrheit der Bevölkerung eine Ausnahme: 
Der Einbruch des Marktes in das Alltagsleben war also insgesamt noch nicht sehr groß, denn Bauern hatten miteinander wenig auf dem Markt zu tauschen, schon gar nicht über große Entfernungen. In der Marktgeschichte war es bis in die jüngste Zeit so, dass der Minderheit der Marktteilnehmer eine große >schweigende< Mehrheit der Selbstversorger gegenüberstand; schweigend in dem Sinn, dass das bäuerliche Leben selten aktenkundig und damit der Nachwelt überliefert wurde. Wenn diese Leute auf einen großen, überregionalen Markt gingen, dann was das weit über das Mittelalter hinaus ein besonderes Ereignis, ein Festtag. 
Einen weiteren Auftrieb bekam die Wirtschaft durch die Deutsche Hanse. Trotz der weitgespannten Aktivitäten der oberitalienischen und hansischen Kaufleute, kann noch nicht von einer "globalen Wirtschaft" die Rede sein: 
Bei allen durchaus beeindruckenden Leistungen der mittelalterlichen Kaufleute dürfen wir den grundsätzlichen Lokalbezug der Wirtschaft nicht vergessen. Die Hauswirtschaft, die Regionalwirtschaft, sogar die maritimen Handelsräume bildeten in sich relativ geschlossene Systeme. Es wäre irreführend, von einer Weltwirtschaft zu sprechen, wenn man damit die modernen Begriffsinhalte verbindet. Die mittelalterlichen Märkte waren lediglich Berührungspunkte zwischen den verschiedenen Wirtschaftskreisläufen, nicht Verteilzentren einer Weltwirtschaft. Sie verbanden diese Systeme gleicher oder unterschiedlicher Ebenen .. zu einem nur lockeren kommerziellen Netz.
Von großer Bedeutung für den Wirtschaftsaufschwung im Mittelalter waren die Messen, insbesondere die Champagnemessen, die auch als Geburtsstätte des Bankwesens gelten:
Im 13. Jahrhundert kam zu dem Handelsgeschäft auf den Champangemessen das Geldgeschäft. Manche Kaufleute nahmen einen >Lieferantenkredit< in Anspruch und bezahlten die empfangene Ware mit einem Zinsaufschlag erst beim nächsten Messetermin. Man konnte auch Kredite in barem Geld aufnehmen, um auf der Messe selbst oder an einem anderen Ort einzukaufen. .. Manche italienischen Kaufleute reisten zur Champangemesse nur noch, um sich dort Geld zu leihen, kauften ihre Tuche aber direkt im Produktionsgebiet, in Ypern und anderen Städten. Kredite konnten durch eine lettre de foire, einen Marktwechsel, gesichert werden; das was eine Zahlungsverpflichtung, die vor den Augen der Messeadministration ausgefertigt wurde.
Die nächste einschneidende Phase begann mit der Entdeckung Amerikas und der Verlagerung des Handels nach Übersee. Fortan übernahmen die großen Seefahrernationen die Führungsrolle im internationalen Handel. Der Weltmarkt entsteht:
Der Weltmarkt veränderte Handelsräume und Handelswege. Der mediterrane und baltische Handel, beides Pole des europäischen Handels im Mittelalter, hielten nicht Schritt mit der stürmischen Entwicklung im Westen; und so verloren auch die Italiener und Deutschen ihre kommerzielle Vorherrschaft. Portugiesen, Spanier, Holländer, Engländer und Franzosen kämpfen um die Macht auf dem neuen Weltmarkt: Das 16. Jahrhundert war das Jahrhundert der Portugiesen und Spanier, das 17. Jahrhundert der Holländer, das 18. Jahrhundert der Engländer und Franzosen.
Mit der Industrialisierung setzte eine weitere Verschiebung ein. Der Markt verließ den Marktplatz:
Diese Märkte der modernen Marktwirtschaft haben freilich mit den Märkten vorkapitalistischer Gesellschaften wenig gemeinsam. Ein Unterschied ist ganz offensichtlich: Die modernen Märkte sind in der Regel keine periodischen Marktveranstaltungen mehr, bei denen Käufer und Verkäufer, Ware und Geld zu festen Terminen auf einem Platz zusammentreffen. Mit der Durchsetzung der kapitalistischen Marktwirtschaft war ein Strukturwandel der Verteilung verbunden, der die >kommerzielle Revolution< des 10. bis 14. Jahrhunderts an Bedeutung weit übertraf. Die kommerzielle Revolution hatte ein  leistungsfähiges Netzwerk von ineinander verflochtenen Marktveranstaltungen geschaffen; Großhandel und Kleinhandel, regionale und branchenmäßige Spezialisierungen, alles fand auf dem passenden Markt statt. Nun aber wuchsen Produktion und Arbeitsteilung weit über die Umschlagskapazität der offenen Marktveranstaltung hinaus; die Marktwirtschaft verließ den Marktplatz. 
Ähnlich wie Karl Polanyi und Ernest Gellner heben auch Hardach und Schilling die Einbettung der Märkte in das soziale Gefüge hervor, um daraus den Bruch in der Entwicklung, der mit dem Kapitalismus begann, und der bis heute anhält, zu verdeutlichen:
Ein anderer wesentlicher Unterschied zu den früheren Märkten ist die moderne Marktlogik. Am Anfang der Entwicklung standen die zeremoniellen Märkte, bei denen neben Gütern auch Symbole, Zeichen und Prestige zirkulierten. Später löste sich der Handel mit materiellen Gütern aus diesem komplexen sozialen Zusammenhang, und es entstanden Märkte, deren Hauptaufgabe die Bedarfsdeckung war. ... Erst der Wirtschaftsliberalismus des 18. Jahrhunderts entwickelte die Ideologie, dass die konsequente Verfolgung des individuellen Interesses mit dem allgemeinen Wohl verträglich sei, dieses sogar optimal förderte, weil die allgemeine Konkurrenz dem wirtschaftlichen Egoismus Grenzen setze und das Gewinnstreben in eine produktive Richtung lenke. Die traditionelle Marktregulierung erschien im Zeitalter des Wirtschaftsliberalismus mehr und mehr als überlebt und irrational, als ein Wust aus Vorschriften, künstlichen Hemmnissen und gruppenegoistischen Privilegien.
An den Börsen erleben wir seit einiger Zeit eine weitere Transformation des Marktes in Richtung Digitalisierung und Virtualisierung. Inzwischen erreichen wir hier neue Dimensionen, die Michael Lewin in Flash Boys beschreibt. 

Weitere Informationen:

"Wirtschaftsgeschichte der Antike" von Michael Sommer

"Technik im Mittelalter" von Marcus Popplow

"Pflug, Schwert und Buch. Grundlinien der Menschheitsgeschichte" von Ernest Gellner

Das Bronze Kartell - Wirtschaftsboom am Mittelmeer

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