Donnerstag, 3. Juli 2014

Wirtschaftliche Grundmuster (Alfred Herrhausen)

"Wirtschaftliche Grundmuster" - das sind für mich Grundzusammenhänge, elementare Sachverhalte und einfache Wahrheiten, die bei allem Wandel unverändert bleiben und fortdauernde Gültigkeit besitzen. Sie werden in wirtschaftspolitischen Auseinandersetzungen oft übersehen oder aus vordergründigen Interessen verdrängt, was dann dazu führt, dass die in solchen Auseinandersetzungen gefundenen "Lösungen" den "Grundmustern" nicht mehr entsprechen. Die Folgen sind innere Widersprüche, mangelnde Übereinstimmung von Ziel und Weg, Abwehrmaßnahmen der Betroffenen und damit Verfehlen des Gewollten.
Quelle: Alfred Herrhausen. Denken_Ordnen_Gestalten 

Montag, 30. Juni 2014

Prozess als stilbestimmender Faktor (Herbert A. Simon)

Wenn wir uns an den Entwurf so komplexer Systeme wie Städte, Gebäude oder Volkswirtschaften machen, müssen wir davon Abstand nehmen, Systeme schaffen zu wollen, die eine hypothetische Nutzenfunktion optimieren; wir müssen uns fragen, ob Stilunterschiede der erwähnten Art nicht eher als erwünschte Varianten des Entwurfsvorgangs zu betrachten sind denn als Alternativen, die mit "besser" oder "schlechter" bewertet werden. Vielfalt innerhalb der Grenzen des Zufriedenstellenden kann ein Ziel für sich sein, unter anderem weil sie erlaubt, der Suche selbst ebenso wie ihrem Ergebnis einen Wert beizumessen - den Entwurfsvorgang selbst als eine Tätigkeit betrachten, die für alle Beteiligten einen Wert besitzt. 
Quelle: Die Wissenschaft vom Künstlichen 

Sonntag, 29. Juni 2014

Die Theorie des Wirtschaftsstils (Arthur Spiethoff)

Von Ralf Keuper

Arthur Spiethoff stammte ursprünglich aus der Historischen Schule der Ökonomie um Gustav Schmoller. Anders als die Vertreter der Neoklassik, für die sich wirtschaftliches Handeln auf einige (zeitlose) Formeln und Modelle reduzieren lässt, vertrat die historische Schule die Ansicht, dass jede Ökonomie immer auch orts- und zeitgebunden ist. Jeder Versuch, die Ökonomie in eine allgemeingültige (reine) Theorie, ein Modell zu fassen, welche die historischen und gesellschaftlichen Einflussfaktoren weitgehend ausblenden, ist daher nur sehr bedingt geeignet, das Auf und Ab in der Wirtschaft zu erklären, geschweige denn halbwegs belastbare Prognosen liefern zu können. Spiethoff ging jedoch nicht so weit wie Schmoller u.a., Ökonomie vorwiegend historisch und kulturell aufzufassen, sondern baute in seine Anschauliche Theorie auch einige zeitunabhängige Elemente ein, wie sie für die Reine Theorie, als deren Vertreter Spiethoff u.a. Pareto, Menger, Schumpeter und Keynes nenntcharakteristisch sind. 
Spiethoff formte eine Theorie, welche die genannten Mängel der historischen Schule umgehen wollte, ohne sich jedoch in mathematischen Modellen zu verlieren. Ergebnis war der Wirtschaftsstil

Jede Epoche wird von einem besonderen Wirtschaftsstil geprägt. Dieser setzt sich zusammen aus einer bestimmten Konstellation der (Stil-)Elemente Wirtschaftsgeist, Natürliche und technische Grundlagen, Gesellschaftsverfassung, Wirtschaftsverfassung und Wirtschaftsverlauf. 

Auf Zustimmung stieß die Theorie des Wirtschaftsstils u.a. bei Joseph Schumpeter und Edgar Salin, die darin eine geglückte Synthese aus historischer und theoretisch-rationaler Vorgehensweise sahen. Insbesondere zu Salins Anschaulicher Theorie gibt es mehrere Berührungspunkte. Salin erwähnte Spiethoff in seinem Buch Geschichte der Volkswirtschaftslehre mehrmals.  

Ebenso wie Spiethoff gestand Salin der Mathematik wie überhaupt der Empirischen Forschung ihr Recht in der Ökonomie zu, lehnte jedoch ihren Alleinvertretungsanspruch ab. 

Für Salin erfüllten die, wie er sie nannte, rational-theoretischen Verfahren die Kriterien dessen, was Hans Albert später als Modellplatonismus der Ökonomie bezeichnen sollte:
Aber allerdings birgt das rational-theoretische Verfahren als solches die Gefahr in sich, dass gerade kleinere Geister, die es gern handhaben, sich immer stärker von der Realität entfernen und das Modell >theoretisch< bis zu einem Punkt verfeinern, an dem es nur noch Selbstwert, doch keinen Erkenntniswert besitzt und also letztlich wertlos wird. .. In diesem Punkt sind wir auch mit Eucken restlos einig, der den Krebsschaden aufdeckt .., dass >der Stachel konkreter Probleme und die Wucht geschichtlicher Tatsachen< von vielen Theoretikern nicht mehr empfunden wird und dass >die zunehmende Mathematisierung der ökonomischen Theorie< in gleicher Richtung wirkt. 
Dieser verkürzten Sicht hält Salin seine Anschauliche Theorie entgegen, der sich Spiethoff in weiten Teilen gedanklich verwandt fühlte:
Sowenig Gesamterkenntnis und Teilerkenntnis Gegensätze sind, sowenig sind dies >anschaulich< und >rational< in dem von uns geprägten Sinn. Vielmehr wie Gesamterkenntnis die Teilerkenntnis, wie Gesamtanschauung die Teilanschauung, wie Wesensdeutung Kausal- und Sinndeutung mitunter fasst, >so kann und muss jede richtige anschauliche Theorie auch die richtige rationale Theorie in sich enthalten<. Jede ökonomische Theorie ist also rational; aber die anschauliche Theorie ist auch-rational, nicht nur-rational. 
Spiethoff selber nannte als seine Vorbilder neben Gustav Schmoller, Max WeberFriedrich List und Werner Sombart. Spiethoff bezeichnete seine Theorie auch als "Verbundtheorie", in der sich reine und anschauliche Theorie ergänzen. 
Von Sombart grenzt sich Spiethoff insofern ab, als dass er dem Stil gegenüber dem System den Vorzug gibt, da er ersteren für offener neuen Entwicklungen gegenüber hält. Außerdem haftet einem Stil schon qua definitionem zeitliche Bedingtheit an, währenddessen Systeme häufig den Tendenz haben, nach Absolutheit und Alleingültigkeit zu streben. 

Nachdem die Theorie des Wirtschaftsstils lange Zeit ein Schattendasein führte, beginnt sich die Forschung allmählich ihrer zu erinnern, wie u.a. Bertram Schefold in dem kürzlich erschienenen Band Handels- und Finanzgebaren in der Ägäis im 5. Jhd. v. Chr. 

Die Chancen stehen nicht allzu schlecht, dass dem Modellplatonismus der Ökonomie ein vielseitigerer Ansatz, wie der Wirtschaftsstil, zur Seite gestellt, ihn vielleicht sogar einmal ersetzen wird. Dafür muss die Theorie jedoch weiter entwickelt werden. Anknüpfungspunkte liefern die Geschichtstheorie von Reinhart Koselleck wie auch Theorien, welche das Wesen von Konjunkturzyklen bzw. Blasen beschreiben. Erinnert sei in dem Zusammenhang u.a. an Hyman Minsky
Aus erkenntnistheoretischer Sicht bietet sich die Philosophie des Kritischen Realismus nach Nicolai Hartmann an. 

Weitere Informationen:

Wirtschaftsstile in der Landwirtschaft 

Wider die absolute Wahrheit - Das Konzept der Wirtschaftsstile


Montag, 16. Juni 2014

Management unstrukturierter Informationen und Big Data

Von Ralf Keuper

Kaum ein Thema weckt in der IT-Branche derzeit so hohe Erwartungen wie Big Data. Wikipedia liefert dazu folgende Definition:
Als Big Data werden besonders große Datenmengen bezeichnet, die mit Hilfe von Standard-Datenbanken und Daten-Management-Tools nicht oder nur unzureichend verarbeitet werden können. Problematisch sind hierbei vor allem die Erfassung, die Speicherung, die Suche, Verteilung, Analyse und Visualisierung von großen Datenmengen. Das Volumen dieser Datenmengen geht in die Terabytes, Petabytes, Exabytes und Zettabytes.
Weiter heisst es dort, dass die Menge neu anfallender Informationen durch RFID-Chips oder während der Maschine-Maschine-Kommunikation ein Ausmass erreicht hat, das mit den herkömmlichen Methoden der Informationsaufbereitung nicht zu beherrschen ist. 
Hinzu kommen Unmengen unstrukturierter Informationen, die z.T. papierbasiert oder bereits in elektronischer Form vorliegen und in die Geschäftsprozesse integriert werden sollen, um daraus weiteren geschäftlichen Nutzen ziehen oder gesetzliche Anforderungen effizienter erfüllen zu können.

Vor allem die unstrukturierten Informationen sind es, die nach Ansicht der Analysten und der führenden Beratungshäuser das größte Potenzial aufweisen. Die technischen Mittel stehen längst bereit, die Datenbanktechnologie hat sich in den letzten Jahren - man denke nur an die In-Memory-Technologie - so weit entwickelt, dass es eigentlich nur noch eine Kaufentscheidung ist. 

Ganz so einfach ist es dann doch nicht.

So sehr den Analysten und Beratungshäusern in der Diagnose zuzustimmen ist, so sehr schießen sie bei der Therapie über das Ziel hinaus. Steigende Quantität hat nicht zwangsläufig eine höhere Qualität der Informationen zur Folge. Ein Punkt, auf den Stephen Few immer wieder hinweist.

Die eigentliche Frage muss daher lauten: Wie lässt sich aus der wachsenden Quantität der Informationen bei einem vertretbaren Aufwand ein proportional dazu verlaufender Anstieg der Qualität erreichen?

Ohne ein entsprechendes Informationsmanagement wird das nicht gelingen. 

Hierzu liefern die Autoren Paul Königer und Walter Reithmayer in ihrem Buch Management unstrukturierter Informationen einige wichtige Hinweise.

Unstrukturierte Informationen

Wie der Titel des Buches schon andeutet, sehen die Autoren in den unstrukturierten Informationen ebenso wie die Analysten und Beratungshäuser das größte Potenzial. So schreiben sie in dem Kapitel Die Fokussierung auf unstrukturierte Informationen:
Dieses Buch behandelt im Schwerpunkt den Umgang mit Informationen, die nicht in betriebswirtschaftlichen informationstechnischen Verfahren geführt werden, als nicht zum Beispiel in Auftragsbearbeitung, Finanzbuchhaltung oder Materialwesen. Alle Informationen außerhalb solcher Verfahren nennen wir vereinfacht >unstrukturierte Informationen<. .. Darüber hinaus gibt es Informationsflüsse, die keinen mehr oder weniger festgelegten Regeln unterliegen; wir nennen diese >Informationen im situativen Kontext<. In Verfahren wird mit stark strukturierten Informationen gearbeitet, im situativen Kontext in der Regel mit unstrukturierten Informationen. .. Für die verstärkte Beschäftigung mit unstrukturierten Informationen gibt es gute Gründe: Im Umgang mit stark strukturierten Informationen konnten in der Vergangenheit bereist große Fortschritte erzielt werden. Die Rationalisierungspotenziale dafür sind weitgehend ausgeschöpft. Dagegen liegen im Umgang mit unstrukturierten Informationen noch große Rationalisierungs- und Innovationspotenziale brach, zu deren Erschließen wir beitragen wollen. 
Informationen, die sich aus einem situativen Kontext ergeben, sind demnach Zielobjekt von Big Data. Königer und Reithmayer führen daher auch den Begriff Informationsobjekt ein, um die unstrukturierten Informationen unter einen gemeinsamen Nenner zu bringen.

Informations- und Geschäftsobjekte

In der (Wirtschafts-) Informatik existiert als äquivalenter Begriff der des Geschäftsobjektes, das als Bindeglied zwischen Fachbereich und IT fungieren kann.
Um sich einen Überblick über die Geschäfts- bzw. Informationsobjekte hinsichtlich der Möglichkeiten ihrer Bearbeitung verschaffen zu können, bietet sich der Einsatz einer sog. CRUD-Matrix an.

Informationsqualität

Entscheidendes Kriterium für das Management unstrukturierter wie auch strukturierter Informationen ist die Informationsqualität. Die Autoren schlagen für deren Beurteilung fünf Kategorien vor:

Innere Qualität
Genauigkeit, Objektivität, Vertrauenswürdigkeit

Zugangsqualität
Zugänglichkeit, Sicherheit

Kontextuelle Qualtiät 
Bedeutung, Mehrwert, Zeitgerechtetheit, Vollständigkeit, Informationsgehalt

Darstellungsqualität
Interpretierbarkeit, Verstehbarkeit, Knappheit, Durchgängigkeit

Qualität der Metainformationen 
Existenz, Angemessenheit

Qualität der Strukturierung
Existenz, Angemessenheit, Nachvollziehbarkeit

Informationsvernetzung

Im Zeitalter des Internets und der zunehmenden Digitalisierung der Wirtschaft ist die Informationsvernetzung ebenfalls ein "Erfolgsfaktor". Nicht ausgeklammert werden darf dabei die Frage der zu verwendenden Formate:
Es ist nichts Neues, dass Medienbrüche Unternehmen viel Geld kosten können. Ein Detail daraus sind die technischen Formate von Informationstypen. Aus dem Blickwinkel der Vernetzung gesehen, müssen sie aufeinander abgestimmt sein. Sicherlich kommt man in der Praxis nicht mit nur einem Format aus, das wäre völlig unrealistisch. Aber es ist nicht einzusehen, warum nicht eine Konzentration auf wenige Formate erreicht werden kann. Ausnahmen wird es immer geben; es kommt darauf an, >in der Breite gemeinsame Formate zu nutzen<.
Klassifizierung

Die Klassifizierung der Informationen, z.B. durch Indizes und Labels ist ebenfalls von nicht zu unterschätzender Bedeutung, wenngleich man sich der Grenzen auch des besten Klassifikationssystems bewusst sein sollte. Dennoch kann die Klassifizierung von Informationen einen signifikanten Beitrag zur Wertschöpfung leisten:
Klassifikation stellt inhaltliche Beziehungen zwischen Informationen her und ist damit Wertschöpfung. Dies mag zunächst einmal ein Wort des Trostes sein für alle Menschen, die die mühsame Arbeit etwa des Erstellens von Indizes oder Katalogen auf sich nehmen; es ist aber auch und vor allem ein Blick in die Zukunft. Je besser es gelingt, für die heutigen Informationsmassen Klassifikationen zu verbreiten, um so leichter wird uns der Umgang damit fallen.
Metainformationen

Eng mit der Klassifikation verbunden sind die Informationen über Informationen, die sog. Metainformationen .

Die Digitalisierung erfordert ein anderes Verständnis von Metainformationen als im Papierzeitalter:
Beim Übergang vom Papiermedium in die elektronische Welt geht also einerseits Metainformation verloren, insbesondere solche, die an das Trägermaterial gekoppelt ist. Andererseits treten an ihre Stelle elektronisch generierte Metainformationen, die ebenfalls Aussagen über die betreffende Information zulassen, die aber nach anderen Gesetzen zu lesen sind.
Ein besonders geeignetes Mittel zur Darstellung und Verwaltung von Metainformationen ist für die Autoren das Header File.

Informationskultur

Der Umgang mit Informationen in der Wirtschaft kann nicht von der Unternehmenskultur getrennt werden. Für die Autoren wird dieser Zusammenhang von der Informationskultur repräsentiert. 

Information Literacy

Auch das beste Informationsmanagement und die beste Informationskultur vermögen wenig, wenn die Fähigkeiten der Mitarbeiter im Umgang mit Informationen nur unzureichend ausgebildet sind. In der Fachsprache hat sich hierfür der Begriff der Information Literacy herausgebildet.

Schlussbetrachtung

Auch im Zeitalter von Big Data haben die Methoden des Informationsmanagements nicht ausgedient - im Gegenteil. IBM prägte vor einigen Jahren dafür den Begriff der Information Agenda . Ohne ein Mindestmaß an Ordnung, Struktur und Konsistenz wird die Beschaffung und Aufbereitung von Big Data einen Aufwand verursachen, der in keinem gesunden Verhältnis zum Ertrag steht. Datenbanktechnologien und Tools bleiben auch weiterhin nur Mittel - richtig angewandt allerdings ein sehr mächtiges.

Montag, 2. Juni 2014

Warum Startups und Wirtschaftsförderer nur schwer zusammenfinden

Von Ralf Keuper

Die Beziehung der Wirtschaftsförderung zu neuen Unternehmen bzw. Unternehmensgründern war wohl schon immer speziell. Häufig stellt sich die Frage, ob Unternehmensgründungen wegen oder nicht eher trotz der Wirtschaftsförderung Erfolg hatten. 
Unstrittig dürfte sein, dass die beste Wirtschaftsförderung nichts nützt, wenn es an Ideen und Personen fehlt. Hinzu kommt der Zeitfaktor. Kurzum: Zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort. Trifft dies zu, dann können sich Wirtschaftsförderung und (junge) Unternehmer ergänzen, vielleicht sogar ihre Wirkung potenzieren. 

So weit so gut.

Im Fall der Startups gestaltet sich die ohnehin schon komplizierte Beziehung noch schwieriger, zumindest wenn man Brad Felds Gedanken dazu Revue passieren lässt. Feld kann eine Gewisse Skepsis gegenüber (kommunalen) Wirtschaftsförderprogrammen nicht verhehlen, wie er sie in seinem Buch Startup Communities - Building an Entrepreneurial Ecosystem in Your City zu Protokoll gibt. Das Kernproblem besteht für Feld darin, dass Regierungen/Kommunalverwaltungen streng hierarchisch ausgerichtet sind, während Startups das genaue Gegenteil verkörpern:
Government operates as a hierarchy: There are clear roles, chain of command, approval and resource allocation processes, and bureaucracy. In contrast, the best startup communities operate as networks: a broad, loosely affiliated set of leaders and organizations that are working in parallel on a variety of different initiatives. There is rarely a leader of a network, just nodes that are interconnected. Entrepreneurs live in networks. Government lives in hierachy. Although mixing the two isn't fatal, having a network depend on hierarchy, is, as Oliver Williamson explains in his classic book, Market and Hierarchies. 
Und an anderer Stelle schreibt er:
When a startup community starts relying on government to be a leader, bad things happen. First, government often has less money to apply to things than people think it does. As a result, there's often a big mismatch between expectation and reality when it comes time to actually fund something. Next, very few people in government have a background as entrepreneurs, and, as a result, they don't really understand startups in any depth. Consequently the language, the activities, and the interactions are awkward and often ineffective. Government also moves at a much slower pace than entrepreneurs and, when it's in a leadership role, it stifles the individual leadership that emerges. Finally, government runs on a very different time cycle - typically two to four years - than entrepreneurs do.  
Es fehlt demnach auf Seiten der Wirtschaftsförderer nicht oder kaum an gutem Willen, sondern an den passenden Strukturen, dem passenden Organisationsmodell, dem, Beratersprech: Mind Set. 
Ob der Sachverhalt sich wirklich so einfach darstellen lässt? Ganz daneben liegt er jedenfalls nicht, wie verschiedene Untersuchungen zeigen, wie die von Kristoffer Möller und Robert K. von Weizsäcker und Martin Steininger

So richtig auf einer Wellenlänge werden Wirtschaftsförderer und Unternehmensgründer wohl auch künftig nicht liegen. 

Allerdings gibt es Beispiele, die für mich, jedenfalls auf den ersten Blick, in die richtige Richtung weisen, wie das Berlin Business Location Center.

Weitere Informationen:

"New Business Order. Wie Start-ups Wirtschaft und Gesellschaft verändern" von Christoph Giesa und Lena Schiller-Clausen

Sonntag, 18. Mai 2014

Culturally clustered or in the cloud? Location of internet start-ups in Berlin (Kristoffer Möller)

Von Ralf Keuper

In seiner empirischen Untersuchung Culturally Clustered or in the Cloud? Location of Internet Start-ups in Berlin fand der Stadtökonom Kristoffer Möller die These bestätigt, wonach vorwiegend endogene Faktoren, wie die Zahl kultureller Angebote und weiterer Annehmlichkeiten, wie sie in einer hohen Dichte nur in urbanen Zentren zu finden sind, ausschlaggebend für die Attraktivität großer Städte wie Berlin als Startup-Standort sind. Das eigentliche Geschehen, aus Sicht der Startups, spielt sich in Berlin nur an bestimmten Punkten ab. Gemeinsam ist ihnen eine sehr gute Anbindung an das öffentliche Verkehrsnetz ebenso wie ein großes Angebot an Restaurants, Cafes und Bars sowie Einkaufsmöglichkeiten in unmittelbarer Nähe. Gebildet haben sich diese Knotenpunkte spontan. Die Instrumente moderner, konventioneller Stadtplanung erweisen sich nahezu wirkungslos bei dem Versuch, auf künstlichem Weg die Entwicklung von Startup-Ökosystemen zu beeinflussen. Initiativen mit dem Ziel, die Entstehung von Zentren an der Peripherie, beispielsweise in Form von Technologiezentren, zu fördern, sind daher häufig wirkungslos.

Weitere Informationen:

Innovative Milieus, distanzabhängige Spillover-Effekte und die Eigentorthese des Wissens

Von Ralf Keuper

Für die flächendeckende Verbreitung technologischer Innovationen hat sich der Begriff der Spillover-Effekte etabliert. Robert K. von Weizsäcker und Martin Steininger haben diesen Effekt in ihrem Beitrag Profilbildung und regionale Standortstrategie durch Wissen. Das Beispiel der Technischen Universität München näher untersucht. Darin formulieren sie am Beispiel der Region München die These, dass räumlich begrenzte Wachstumsimpulse u.a. das Ergebnis einer strategischen Akkumulation regionalen Humankapitals sind, d.h. es existiert ein standortgebundenes (implizites) Wissen. Dieses Wissen ist nicht ohne weiteres auf andere Standorte übertragbar bzw. nicht imitierbar. 

Der Haken daran ist nur, dass das Wissen die Pfadabhängigkeit einer Region erhöht. Von Weizsäcker und Steininger sprechen in dem Zusammenhang auch von der Eigentorthese des Wissens.

Samstag, 17. Mai 2014

"Das Buch vom Markt. Eine Wirtschafts- und Kulturgeschichte" von Gerd Hardach und Jürgen Schilling

Von Ralf Keuper

Nur wenige Autoren haben sich wohl so intensiv mit der Geschichte des Marktes beschäftigt wie Gerd Hardach und Jürgen Schilling in Das Buch vom Markt. Eine Wirtschafts- und Kulturgeschichte.

Das wirtschaftliche Leben begann mit der Sesshaftwerdung der Menschen: 
Nach der Sesshaftwerdung, aber schon vor dem Übergang zur Metallkultur, lassen die archäologischen Funde einen erstaunlich weiträumigen Handel mit Feuerstein, Muschelschmuck, Bernstein und Obsidian erkennen. 
"Mutter" aller Handelskontore war das altassyrische Kontor in Kanis. Die ersten, für die damaligen Maßstäbe, global agierenden Kaufleute waren die Phönizier:
Die Stärke der phönizischen Kaufleute lag darin, dass sie alle nur denkbaren Bezugsquellen erschlossen, um ein interessantes und vielfältiges Angebot des gehobenen Bedarfs zu präsentieren. Auf diese Weise ließen sich große Handelsgewinne auch in einer Zeit erzielen, in der der Markt noch nicht den Massenbedarf des Alltagslebens vermittelte. Nicht die Quantität, sondern die Qualität brachte den Gewinn. 
Verwundert stellen Hardach und Schiller fest, dass die Phönizier trotz ihres ausgeprägten Geschäftssinns, eher zögerlich zum Gebrauch von Münzen übergingen:
Erstaunlich bei alledem, dass die Phönizier trotz ihres regen Handels erst relativ spät zu gemünztem Geld übergingen. Die ersten phönizischen Münzen sind die von Tyrus um 450 v. u. Z. , also 200 Jahre nach der Einführung des Münzgeldes durch die Lydier. 
Danach verliehen die Griechen und Römer dem Handel neuen Schwung. In der Antike setzte sich der Markt als zentraler Ort für den Handel durch:
Die Versorgung der städtischen Konsumzentren war die wichtigste Grundlage der Kommerzialisierung in der antiken Wirtschaft. Denn wenn die Versorgung auch als politische Aufgabe galt und in mehr oder weniger starkem Maße staatlich gelenkt wurde, so spielte der Markt hierbei doch stets eine große Rolle. Ein Netz von Märkten war erforderlich, um die Importwaren in den Produktionsgebieten zu erfassen, auf den oft weiten Wegen umzuschlagen und schließlich an die städtischen Konsumenten zu verteilen. Luxusgüter für die Oberschicht wurden oft über größere Entfernungen transportiert.
Die Arbeitsteilung war bei alledem noch schwach ausgeprägt bzw. kaum bis gar nicht vorhanden:
Auffällig ist die geringe Entwicklung industrieller Arbeitsteilung und Spezialisierung. Die städtischen Gewerbe produzierten im wesentlichen für den eigenen Bedarf, darüber hinaus wohl auch für regionale Märkte. ... Antike Städte waren bedeutend als Ort der Verwaltung, der Kulte, als Wohnsitz reicher Grundbesitzer, gelegentlich auch als Handelsplatz, aber nicht als Gewerbezentrum. 
Im alten Griechenland wurde lange Zeit streng zwischen Versammlungsort und Markt unterschieden:
Möglicherweise hat der Markt sich im Anschluss an die politischen Versammlungen entwickelt; sicher ist, dass der Markt, ob im Anschluss an politische Versammlungen oder als besondere Veranstaltung häufig auf dem freien Platz mitten in der Stadt abgehalten wurden. In Thessalien und in Sparta blieben Ratplatz und Marktplatz getrennt. Aristoteles hielt diese strikte Trennung für wünschenswert. 
Nach dem Untergang des weströmischen Reiches kam der (Fern-)Handel fast vollständig zum Erliegen:
Die Bischofssitze in Paris, Trier, Köln, Regensburg bewahrten auch nach dem Zusammenbruch der römischen Verwaltung eine urbane Tradition. Lokale Märkte, die vorher ihm Rahmen der >civitates< bestanden hatte, existierten fort. Und auch der Fernhandel hörte nie ganz auf. 
Erst im 10. Jahrhundert blühten Handel und Gewerbe in Europa wieder auf:
Das 10. Jahrhundert war ein Wendepunkt in der Entwicklung der europäischen Wirtschaft; manche Historiker sehen hier den Beginn der frühen >kommerziellen Revolution<. Bevölkerung, Produktion und Verbrauch nahmen zu, alte städtische Zentren belebten sich und neue entstanden, der Fernhandel wurde intensiver und erreichte neue, bislang unerschlossene Regionen. .. Die aufstrebenden italienischen Städte rivalisierten erfolgreich mit dem Orient, der seit dem Ende der Antike wirtschaftliches Zentrum der mediterranen Welt war, holten ihn ein und überflügelten ihn. Oberitalien übernahm die wirtschaftlich Führungsrolle. 
Der Besuch eines Marktes blieb jedoch für die Mehrheit der Bevölkerung eine Ausnahme: 
Der Einbruch des Marktes in das Alltagsleben war also insgesamt noch nicht sehr groß, denn Bauern hatten miteinander wenig auf dem Markt zu tauschen, schon gar nicht über große Entfernungen. In der Marktgeschichte war es bis in die jüngste Zeit so, dass der Minderheit der Marktteilnehmer eine große >schweigende< Mehrheit der Selbstversorger gegenüberstand; schweigend in dem Sinn, dass das bäuerliche Leben selten aktenkundig und damit der Nachwelt überliefert wurde. Wenn diese Leute auf einen großen, überregionalen Markt gingen, dann was das weit über das Mittelalter hinaus ein besonderes Ereignis, ein Festtag. 
Einen weiteren Auftrieb bekam die Wirtschaft durch die Deutsche Hanse. Trotz der weitgespannten Aktivitäten der oberitalienischen und hansischen Kaufleute, kann noch nicht von einer "globalen Wirtschaft" die Rede sein: 
Bei allen durchaus beeindruckenden Leistungen der mittelalterlichen Kaufleute dürfen wir den grundsätzlichen Lokalbezug der Wirtschaft nicht vergessen. Die Hauswirtschaft, die Regionalwirtschaft, sogar die maritimen Handelsräume bildeten in sich relativ geschlossene Systeme. Es wäre irreführend, von einer Weltwirtschaft zu sprechen, wenn man damit die modernen Begriffsinhalte verbindet. Die mittelalterlichen Märkte waren lediglich Berührungspunkte zwischen den verschiedenen Wirtschaftskreisläufen, nicht Verteilzentren einer Weltwirtschaft. Sie verbanden diese Systeme gleicher oder unterschiedlicher Ebenen .. zu einem nur lockeren kommerziellen Netz.
Von großer Bedeutung für den Wirtschaftsaufschwung im Mittelalter waren die Messen, insbesondere die Champagnemessen, die auch als Geburtsstätte des Bankwesens gelten:
Im 13. Jahrhundert kam zu dem Handelsgeschäft auf den Champangemessen das Geldgeschäft. Manche Kaufleute nahmen einen >Lieferantenkredit< in Anspruch und bezahlten die empfangene Ware mit einem Zinsaufschlag erst beim nächsten Messetermin. Man konnte auch Kredite in barem Geld aufnehmen, um auf der Messe selbst oder an einem anderen Ort einzukaufen. .. Manche italienischen Kaufleute reisten zur Champangemesse nur noch, um sich dort Geld zu leihen, kauften ihre Tuche aber direkt im Produktionsgebiet, in Ypern und anderen Städten. Kredite konnten durch eine lettre de foire, einen Marktwechsel, gesichert werden; das was eine Zahlungsverpflichtung, die vor den Augen der Messeadministration ausgefertigt wurde.
Die nächste einschneidende Phase begann mit der Entdeckung Amerikas und der Verlagerung des Handels nach Übersee. Fortan übernahmen die großen Seefahrernationen die Führungsrolle im internationalen Handel. Der Weltmarkt entsteht:
Der Weltmarkt veränderte Handelsräume und Handelswege. Der mediterrane und baltische Handel, beides Pole des europäischen Handels im Mittelalter, hielten nicht Schritt mit der stürmischen Entwicklung im Westen; und so verloren auch die Italiener und Deutschen ihre kommerzielle Vorherrschaft. Portugiesen, Spanier, Holländer, Engländer und Franzosen kämpfen um die Macht auf dem neuen Weltmarkt: Das 16. Jahrhundert war das Jahrhundert der Portugiesen und Spanier, das 17. Jahrhundert der Holländer, das 18. Jahrhundert der Engländer und Franzosen.
Mit der Industrialisierung setzte eine weitere Verschiebung ein. Der Markt verließ den Marktplatz:
Diese Märkte der modernen Marktwirtschaft haben freilich mit den Märkten vorkapitalistischer Gesellschaften wenig gemeinsam. Ein Unterschied ist ganz offensichtlich: Die modernen Märkte sind in der Regel keine periodischen Marktveranstaltungen mehr, bei denen Käufer und Verkäufer, Ware und Geld zu festen Terminen auf einem Platz zusammentreffen. Mit der Durchsetzung der kapitalistischen Marktwirtschaft war ein Strukturwandel der Verteilung verbunden, der die >kommerzielle Revolution< des 10. bis 14. Jahrhunderts an Bedeutung weit übertraf. Die kommerzielle Revolution hatte ein  leistungsfähiges Netzwerk von ineinander verflochtenen Marktveranstaltungen geschaffen; Großhandel und Kleinhandel, regionale und branchenmäßige Spezialisierungen, alles fand auf dem passenden Markt statt. Nun aber wuchsen Produktion und Arbeitsteilung weit über die Umschlagskapazität der offenen Marktveranstaltung hinaus; die Marktwirtschaft verließ den Marktplatz. 
Ähnlich wie Karl Polanyi und Ernest Gellner heben auch Hardach und Schilling die Einbettung der Märkte in das soziale Gefüge hervor, um daraus den Bruch in der Entwicklung, der mit dem Kapitalismus begann, und der bis heute anhält, zu verdeutlichen:
Ein anderer wesentlicher Unterschied zu den früheren Märkten ist die moderne Marktlogik. Am Anfang der Entwicklung standen die zeremoniellen Märkte, bei denen neben Gütern auch Symbole, Zeichen und Prestige zirkulierten. Später löste sich der Handel mit materiellen Gütern aus diesem komplexen sozialen Zusammenhang, und es entstanden Märkte, deren Hauptaufgabe die Bedarfsdeckung war. ... Erst der Wirtschaftsliberalismus des 18. Jahrhunderts entwickelte die Ideologie, dass die konsequente Verfolgung des individuellen Interesses mit dem allgemeinen Wohl verträglich sei, dieses sogar optimal förderte, weil die allgemeine Konkurrenz dem wirtschaftlichen Egoismus Grenzen setze und das Gewinnstreben in eine produktive Richtung lenke. Die traditionelle Marktregulierung erschien im Zeitalter des Wirtschaftsliberalismus mehr und mehr als überlebt und irrational, als ein Wust aus Vorschriften, künstlichen Hemmnissen und gruppenegoistischen Privilegien.
An den Börsen erleben wir seit einiger Zeit eine weitere Transformation des Marktes in Richtung Digitalisierung und Virtualisierung. Inzwischen erreichen wir hier neue Dimensionen, die Michael Lewin in Flash Boys beschreibt. 

Weitere Informationen:

"Wirtschaftsgeschichte der Antike" von Michael Sommer

"Technik im Mittelalter" von Marcus Popplow

"Pflug, Schwert und Buch. Grundlinien der Menschheitsgeschichte" von Ernest Gellner

Das Bronze Kartell - Wirtschaftsboom am Mittelmeer

Freitag, 16. Mai 2014

"Hässlichkeit verkauft sich schlecht. Die Erlebnisse des erfolgreichsten Formgestalters unserer Zeit" von Raymond Loewy

Von Ralf Keuper

Es war ein langer und steiniger Weg, den die ersten Industriedesigner zurücklegen mussten, um die Top-Etagen der Wirtschaft und letztlich die Verbraucher von der Bedeutung und Zweckmäßigkeit guten Produktdesigns zu überzeugen. Der führende Kopf dieser Bewegung war Raymond Loewy
In den letzten Jahrzehnten hat kaum jemand dieses Prinzip so virtuos anzuwenden gewusst wie Steve Jobs. 
Würdige Nachfolger von Raymond Loewy waren bzw. sind u.a., bei allen Unterschieden, Dieter Rams, Hartmut Esslinger, Luigi Colani, Konstantin Grcic  und Jonathan Ive.

Montag, 12. Mai 2014

"Pflug, Schwert und Buch. Grundlinien der Menschheitsgeschichte" von Ernest Gellner

Von Ralf Keuper

Pflug, Schwert und Buch von Ernest Gellner ist eine wichtige Ergänzung zu dem Klassiker "The Great Transformation" von Karl Polanyi. Ähnlich wie Polanyi ist für Gellner die Frage, welche Faktoren das Aufkommen der Marktgesellschaft begünstig oder gar herbeigeführt haben, zentral. Sie ausschließlich auf die >Geburt< der ökonomischen Rationalität und damit des >homo oeconomicus< zurückzuführen, ohne dabei den historischen Kontext zu berücksichtigen, lehnen beide ab. Ein >objektiver< Marktmechanidmus existiert demzufolge genauso wenig wie ein >neutraler< institutioneller Rahmen. Markt und Politik sind daher nicht voneinander zu trennen: 
Die allgemeine Marktwirtschaft wurde durch einen gemäßigten technischen Fortschritt ermöglicht, wobei die Ausdehnung des Markts ihrerseits weiteren technischen Fortschritt begünstigte. Aber am Ende setzte eben diese machtvoll entfaltete Technik eine umfassende, in sich geschlossene, naturgemäß Zusammenhang stiftende kollektive Infrastruktur voraus, die ihrerseits nun die soziale Bedeutung des Markts einschränkte. Während des ersten ökonomischen Wunders war dank eines historischen Zufalls die erforderliche Infrastruktur verfügbar. Das ist heute anders: Die Infrastruktur, die heute gegeben sein muss, hat enorme Ausmaße angenommen und kann nicht mehr von selbst entstehen. Und sie kann auch nicht mehr mittels Marktmechanismen instand- beziehungsweise aufrechterhalten werden, ebensowenig wie sie ohne Planung geschaffen werden kann. Sie lässt sich nur noch auf >politischem< Weg garantieren, durch globale, zentrale und von vielfachen Rücksichten bestimmte Entscheidungen. So sind wir also im Begriff, in eine stärker politische und weniger ökonomische Welt zurückzukehren. 

"Startup Communities. Building An Entrepreneurial Ecosystem In Your City" von Brad Feld

Von Ralf Keuper

In seinem Buch Startup Communities. Building an Entrepreneurial Ecosystem in Your City betont Brad Feld die Bedeutung von einzelnen Personen, Leaders, für die Attraktivität eines Startup-Ökosystems. Für ihn sind die Leader, die selber als Startup-Unternehmer tätig sind oder waren, die entscheidenden Akteure. Am Beispiel von Boulder in Colorado, das über eines der dichtesten Startup-Ökosysteme der USA verfügt, versucht Feld seine These (The Boulder-Thesis) zu belegen, was ihm – zumindest bezogen auf Boulder – auch weitgehend gelingt. Zwar sind Universitäten, Investoren oder auch Maßnahmen der örtlichen Wirtschaftsförderung nicht unwichtig, den Ausschlag für ein florierendes Startup-Ökosystem geben jedoch die Leader bzw. Unternehmer vor Ort, die mit gutem Beispiel vorangehen und sich selber aktiv an dem Auf- und Ausbau der Community beteiligen, ohne dadurch einen direkten persönlichen Vorteil zu haben. Feld hebt die langfristige Perspektive hervor, die von den Leadern verfolgt werden sollte; er spricht von einem Zeitraum von zwanzig Jahren und mehr. Anderenfalls verödet ein Startup-Ökosystem, nachdem die erste Generation von Startups flügge geworden oder ganz vom Markt verschwunden ist. Kontinuierliche Aktivitäten, auch und vor allem informeller, spontaner Art sind daher unabdingbar, wenn die Startup-Community nicht an Dynamik verlieren will. 

Mittwoch, 30. April 2014

"Kinder. Der Tod ist gar nicht so schlimm. Über die Zukunft der Musik- und Medienindustrie" von Tim Renner

Von Ralf Keuper

Was waren das doch noch für Zeiten als Bertelsmann, News Corporation, Vivendi, Sony und Time Warner das internationale Mediengeschäft unter sich aufteilen konnten. Es hätte auch alles so bleiben können, wenn nicht Google, Apple und Amazon das Mediengeschäft quasi über Nacht an sich gerissen hätten. Seitdem dominiert Amazon den Buchhandel, im Musik- und Filmgeschäft kommt kaum noch jemand an Apple vorbei und für die Informationssuche im Internet ist Google der Platzhirsch. Was bei Google nicht gefunden wird, gibt es eigentlich nicht. Da bleibt für die Majors häufig nur noch die Statistenrolle und die Beschwörung des eigenen, unverwechselbaren Contents, der letztlich doch nur Massenware ist. 

Tim Renner, einige Jahre Chef von Universal Music in Deutschland und seit kurzem Kulturstaatssekretär von Berlin, legt in seinem Buch Kinder. Der Tod ist gar nicht so schlimm. Über die Zukunft der Musik- und Medienindustrie den Finger in die Wunde. 
Renner beschreibt einen Zustand satter Zufriedenheit, der sich bei den Majors über die Jahrzehnte hatte bilden können. Wozu innovativ sein, wenn Künstler, Kunden und Handel eh nicht an uns vorbei kommen? 
Vertikale Integration scheint für die Musikindustrie eigentlich immer nur zu bedeuten, dass sie sich integrieren lässt, sobald eine technische Innovation durchzusetzen ist. Auch in Zeiten gewaltiger Umsätze und Renditen, ob in den zwanziger, sechziger, siebziger oder neunziger Jahren, unternahm sie selbst nie einen ernsthaften Anlauf, den Spieß umzudrehen, die Geräte offensiv an sich zu binden und somit Entwicklungen selbst moderieren zu können. Es scheint, als würde sich die Innovationskraft der Musikfirmen in der Konzentration auf den Inhalt erschöpfen. Als gesellschaftlicher Treiber agieren die Künstler und ihre Inhalte. Als Firmen werden sie weiterhin getrieben - von technologischen Neuerungen.
Die Fixierung auf Zahlen, die Bevorzug der Quantität vor der Qualität hat in keinem Bereich so tiefe Wurzeln geschlagen wie im Privatfernsehen und inzwischen auch im öffentlich-rechtlichen Fernsehen: 
Schritt für Schritt begannen die privaten Anbieter, ihre Logik der Quantität, der Reichweite, der Zielgruppenpräsenz auf die gesamte Fernsehlandschaft zu übertragen. Auf welche Weise die Zuschauer mit dem umgehen, was sie sehen, ob und wie Fernsehen sie bewegt hat, wird immer weniger wichtig - das Einzige, was in den Sendern zählt, wenn am Morgen nach der Ausstrahlung die Quoten herumgereicht werden, ist die schlichte Zahl. Und bei den Analysten in den Sendern ist Musik zunehmend verpönt, denn sie führt zu Dellen in der Quotenkurve, zu den verhassten >Umschaltern<. Der Grund ist einfach: Alles, was emotional ist, führt auch zu Ablehnung. Je emotionaler, umso heftiger. Je heftiger, um so schneller wird umgeschaltet. Da sich die Qualität von Musik und ihrer Darbietung aber nun mal danach bemisst, so emotional wie möglich zu sein, widerspricht das zutiefst einem Fernsehideal, das auf stabilen Quoten, auf purer Quantität beruht.
Den Managern sei über die Jahre, so Renner,  das Gespür für den Wert von und für Qualität abhanden gekommen. Ausschlaggebend ist die Logik aus den Anfängen der Massenproduktion. Standardisieren wo es nur geht, und dann die Produkte mit der vollen Wucht des Marketing in den Markt pumpen. Da kann es auch ruhig Verschnitt geben; Hauptsache unterm Strich bleibt genügend hängen und die Verkaufszahlen stimmen. Keine Frage: Diese Logik hat(te) etwas für sich und für lange Zeit gab den Managern der Erfolg auch recht. 
Nur wenige waren, wie der legendäre Monti Lüftner von Ariola/Bertelsmann, mit einen sicheren Gespür für Zahlen und Qualität ausgestattet, wenngleich auch hier stets der Massenmarkt das Ziel war. 

Renner fordert eine Abkehr von diesem eindimensionalen Denken: 
Wir müssen damit aufhören, uns hinter einem vermeintlichen Plebiszit der Effizienzanalysen zu verschanzen, die wir für enorme viel Geld von Beraterfirmen einkaufen. Die Wirtschaft braucht Entscheider, die den Mut haben, auch mal Fehler zu machen, und die Konsequenzen aus diesen ziehen. Wir brauchen keine Managementtechnokraten, die das verfügbare Kapital in Gefälligkeitesgutachten und Stauts-quo-Analysen investieren, sondern Persönlichkeiten, die ihre Geschäft verstehen und Werte produzieren - statt Entschuldigungen und Erklärungen.
Alles in allem eine treffende Zustandsbeschreibung. Die Diagnose gilt dabei keineswegs nur für die Musik- und Medienindustrie, sondern für alle Unternehmen, deren Geschäftsmodelle durch die Digitalisierung unter Druck geraten, wie Banken.  

Sonntag, 27. April 2014

"A Nation Transformed by Information" von Alfred Chandler u.a.

Von Ralf Keuper

An kaum einer anderen Nation lässt sich die Bedeutung der Informationsübermittlung für die Entwicklung von Wirtschaft und Gesellschaft so veranschaulichen wie an den USA. Das Buch A Nation Transformed by Information, deren Mitherausgeber der renommierte Wirtschaftshistoriker Alfred Chandler ist, spürt den verschiedenen Pfaden nach, auf denen die Informationsübermittlung  entscheidend mit dazu beigetragen hat, große räumliche Distanzen zu überwinden und den Bewohnern das Gefühl zu geben, Teil einer einzigen Nation zu sein.

Startschuss war der Post Office Act aus dem Jahr 1792, in dessen Folge unter Benjamin Franklin auf Basis des königlichen Postsystems ein neues Postwesen mit entsprechender Infrastruktur errichtet wurde. Aufgabe der Post war es nicht nur Briefe zu transportieren, sondern auch Zeitungen. Bereits 1779 betrug der Anteil der Zeitungen an dem Transportgewicht 70 Prozent, während der Anteil an den Transporteinnahmen mit 3 Prozent verschwindend gering war. Um die landesweite Versorgung mit Zeitungen zu garantieren und den Informationsfluss nicht versiegen zu lassen, subventionierte der Kongress daher die Postgesellschaften.
Der nächste Schub setzte mit dem Bau der Eisenbahnstrecken ein. Bereits Mitte der 1840er Jahre wurden zwei Drittel des Versands von Briefen und Zeitungen mit der Bahn abgewickelt. Die auf die Erfindung von Samuel Morse zurückgehende Telegrafie diente in erster Linie der Koordination der Transporte. Erst mit dem Telefon wurde die Kommunikation privater und lokaler. Bis Ende der 1930er Jahre betrug der Anteil der Telefonate zwischen den Bundesstaaten lediglich zwei Prozent. Auch nach dem 2. Weltkrieg ersetzte die Informationsübermittlung mittels Bahn nicht das Telefon, sondern ergänzte es.

Insgesamt war das Land am Ende des 19. Jahrhunderts von einer Informations-Infrastruktur durchzogen, die ein optimaler Resonanzboden für das beginnende Industriezeitalter war:
By the end of the nineteenth century the information infrastructure for the Industrial Age was solidly in place. The railroads had consolidated their activities into a small number of large systems. 
Zu dieser Zeit entstanden auch die ersten IT-Unternehmen, wie das älteste IT-Unternehmen der Welt, National Cash Register (NCR), das auch heute noch aktiv und der weltweit führende Hersteller von Geldautomaten und Kassensystemen ist. Daneben beherrschten Unternehmen wie die Bell Company und AT&T das Geschäft mit der Telekommunikation. Es schlug die Stunde der ersten Großkonzerne. Diese waren für die Koordinierung ihrer vielfältigen Aktivitäten wie auch für ihre Buchführung auf Maschinen angewiesen, die für die Dokumentation und Verbreitung betrieblicher Informationen sorgten. Neben der bereits erwähnten NCR zählten Remington-Rand, Honeywell und Burroughs zu den ersten Herstellern von Schreib- bzw. Büromaschinen. 

Als dann noch die großen Radiogesellschaften wie die Radio Corporation of America (RCA) und CBS in den 1920er Jahren die Medienindustrie begründeten, klopfte bereits das Informationszeitalter an die Tür. In etwa zur selben Zeit begann IBM seinen kometenhaften Aufstieg zum weltweit größten Hersteller von Büromaschinen und Computern. Bis zum Anfang der 1980er Jahre beherrschte IBM das Geschäft mit Computern bzw. Großrechnern. Der erste industriell hergestellte PC der Welt war der Commodore PET 2001, der 1977 vorgestellt wurde. Im Jahr 1981 brachte IBM seinen ersten PC auf den Markt. Im Gegensatz zu Apple, die bereits damals schon den proprietären Ansatz verfolgten, war der PC von IBM als offenes System konzipiert. Damit bot IBM jungen Unternehmen die Gelegenheit, von der Entwicklung hin zur dezentralen Informationsverarbeitung zu profitieren, wie später dann das Internet. Einer der größten Profiteure dieser Offenheit war übrigens Microsoft. 
.. by making its PC an open system, IBM created an uprecedented opportunity for both existing and startup companies to enter this new market, an opportunity denied by Apple and other existing proprietary systems. 
Ein anderer Hersteller, der einen betont proprietären Ansatz verfolgte, war die Digital Equipment Corporation (DEC). Anders als Apple ist DEC diese Philosophie nicht bekommen. 

Von nicht zu unterschätzender Bedeutung für die Verbreitung des PC und der dezentralen Informationsverarbeitung waren leistungsfähige Halbleiter und Mikroprozessoren. Nachdem sie bei dem Pionier der Branche, Fairchild Semiconductor, für sich keine Perspektive mehr sahen, beschlossen George Moore, Robert Noyce und Andy Grove das Unternehmen zu verlassen und ihr eigenes zu gründen: Intel. 

Bis heute dominiert Intel den weltweiten Markt für Mikroprozessoren. 

Inzwischen stehen wir an einer neuen Schwelle des Informationszeitalters. Das Web 2.0 hat neue Geschäftsmodelle ermöglicht, die von unzähligen Startups an den Markt gebracht werden. Internetgiganten wie Google, Amazon, Alibaba und Paypal sind dabei ganze Branchen zu revolutionieren - vom Handel, über Bankgeschäfte bis hin zu Automobilen. IBM mischt noch immer kräftig mit, wie mit dem Supercomputer Watson. Seinen Schwerpunkt hat das Unternehmen in den letzen Jahren von der Hardware auf die Software und Beratung verlegt. Neben der Informationsübermittlung hat die Analyse der Informationsmengen großes Gewicht bekommen. Das Schlagwort hierfür heisst Big Data.  

Freitag, 25. April 2014

"Technolution. Wie unsere Zukunft sich entwickelt" von Matthias Horx

Von Ralf Keuper

Der bekannte Trend- und Zukunftsforscher Matthias Horx entlarvt in seinem Buch Technolution viele der Verheißungen, die uns von den Technologie-Evangelisten angepriesen werden, als Luftschlösser. So legt er dar, weshalb das papierlose Büro ebenso wie das E-Book das Papier nicht vollständig verdrängen werden. Neben dem bekannten Argument, dass bisher noch kein neues Medium die bestehenden vollständig hat ersetzten können und dem Hinweis, dass weltweit mehr statt weniger gelesen wird (allein schon wegen der fortschreitenden Alphabetisierung), bringt er einen weiteren wichtigen Punkt:
Drittens sind Bücher eben keine >Daten<, sondern kulturelle Artefakte, mit denen uns eine Vielzahl von haptischen, olfaktorischen, optischen und anderen sinnlichen Signalen verbindet. Bücher sind >Stellvertreter von Ideen< - und gerade deshalb benötigen sie eine starke physische Dimension.
Schlecht schneiden auch der "intelligente Kühlschrank" und Human-Roboter ab. Gegen ersteren wendet Horx ein, dass er durch seine Komplexität die Flexibilität der Menschen einschränkt. Hier wird die Logik der Bürowelt auf die Familienwelt übertragen. Dabei handelt es sich jedoch um zwei völlig unterschiedliche Bereiche. Effizienz und Optimierung sind innerhalb der Familie nur begrenzt von Nutzen. Horx zitiert u.a. den Microsoft-Forscher James Taylor:
>Familiäre Organisationsmittel sind oft auf eigentümliche Weise persönlich. Effizienz und Optimierung können in der häuslichen Umgebung eine ganz andere Bedeutung haben als im Büro<. 
Dem fügt Horx hinzu: 
Familiäre Kommunikation erfordert eine empfindliche Balance aus Informiertheit, Ahnungslosigkeit, von Weg- und Hinhören, aus Sensibilität und Ignoranz.  
Der Technologie an sich wohnt kein Automatismus inne, der unaufhaltsam in eine bestimmte Richtung läuft. Horx schreibt:
Technik, so die grundlegende These dieses Buches, ist kein zwangsläufiger automatischer Prozess, auf dem wir >unweigerlich< in die Zukunft getrieben werden. Technologien sind das Resultat von menschlichen Dispositionen und Vereinbarungen, von Wünschen und Träumen, Hoffnungen, Kompensationen und Ängsten. Technologie ist ein lebendiges System, eben eine >Evolution<. Und wie bei allen lebendigen Systemen können wir, wenn wir aufmerksam den Organismus und seien Umwelt beobachten, etwas über seine Zukunft aussagen. 
Die These verfolgt Horx im weiteren Verlauf weiter. Er liefert dabei eine Vielzahl weiterer Argumente und Beispiele. 

Das Buch ist alles andere als technikfeindlich. Jedoch macht es deutlich, dass Technologie nicht ohne den sozio-kulturellen Zusammenhang gesehen werden kann, wenn sie wirklich erfolgreich sein will. 



Freitag, 11. April 2014

"New Business Order. Wie Start-ups Wirtschaft und Gesellschaft verändern" von Christoph Giesa und Lena Schiller-Clausen

Von Ralf Keuper

Derzeit ereignet sich an vielen Stellen in der Welt eine "Startup-Explosion" (The Economist). Betroffen sind davon vorwiegend die urbanen Zentren in den fortgeschrittenen Industrienationen. Legendär ist inzwischen der Ruf des Silicon Valley als Brutstätte kleiner Unternehmen, die in nur wenigen Jahren das Gesicht ganzer Branchen verändert haben, wie facebook und Google. Diese Entwicklung geht auch an Deutschland, wenngleich zeitverzögert, nicht vorbei. Auch hierzulande haben sich Startup-Ökosysteme entwickelt, die eine fast schon magische Anziehungskraft auf angehende Unternehmer, Talente, Wissenschaftler und Investoren ausüben - allen voran Berlin. 
Schon heute gilt Berlin als einer der attraktivsten Standorte für die Ansiedlung von Startups weltweit. In Europa nur noch von London übertroffen. 
Aber auch in München, Hamburg und Köln haben sich in den letzten Jahren Startup-Ökosysteme entwickelt, die den Vergleich mit Berlin nicht scheuen müssen, obschon sie - absolut  gesehen - das Niveau der Spree-Metropole nicht erreichen.

Jedenfalls mehren sich die Anzeichen, dass es sich hierbei um mehr als nur einen vorübergehenden Trend handelt. Eher kündet diese Entwicklung, wie Christoph Giesa und Lena Schiller Clausen in ihrem Buch New Business Order. Wie Start-ups Wirtschaft und Gesellschaft verändern schreiben, von einem tiefgreifenden Wandel, von dem nicht nur die Arbeitswelt, sondern die ganze Gesellschaft betroffen ist. Die Zeiten der Standardisierung wie auch der Effizienzsteigerung um ihrer selbst willen scheinen dem Ende entgegen zu gehen. Zu turbulent ist im digitalen Zeitalter die Geschäfts- und Arbeitswelt geworden, als dass man sie noch in Schablonen und Programme fassen könnte. Benötigt werden flexiblere Organisationsformen, die eine rasche Anpassung an die Veränderungen in der Umwelt, seien sie technologischer, ökonomischer oder politischer Art, ermöglichen. Gefordert sind dezentrale Strukturen, d.h. die Entscheidungsgewalt konzentriert sich nicht mehr länger in der Unternehmensspitze, sondern wir dorthin verlagert, wo die eigentliche Arbeit anfällt: An die Kundenfront. 

Während sich große Konzerne schwer tun, ihre Organisationsstrukturen den veränderten Bedingungen anzupassen, kommen sie den jungen Unternehmen, den Startups, entgegen. Unsicherheit und permanente Kursänderungen sind fast schon ihr Lebenselixier. Auch in der Vergangenheit gab es Organisationen, die erfolgreich als Netzwerk agiert haben, wie die Deutsche Hanse des Mittelalters. Ohne zentrale Instanz, gleichberechtigt, gelang es den Hansestädten sich über Jahrhunderte als führende Handelsmacht im Ostseeraum zu etablieren. Als man jedoch begann, bürokratische Strukturen zu installieren, war es mit der Dynamik vorbei; ein Grund für den Niedergang der Hanse. 
Heute kommen unzählige Beratungsansätze und Markforschungsberichte hinzu, die auf eine Vereinheitlichung des Denkens und Handelns in der Wirtschaft hinwirken. Startups entziehen sich diesem Zwang, indem sie ihren Unternehmensapparat so schlank wie möglich halten und ihre Produkte oder Dienstleistungen permanent am Markt prüfen. Unterstützt werden sie dabei häufig von Investoren, Inkubatoren und Acceleratoren, die sich darauf spezialisiert haben, Startups in der schwierigen Anfangsphase zu begleiten. Das Engagement kann sich dabei auf das reine Investment beschränken, aber auch gezielte Programme, die über einen längeren Zeitraum laufen, umfassen. Häufig handelt es sich um eine Kombination aus beidem. Als weitere Finanzierungsmöglichkeit bietet sich für Startups unter Umständen auch das Bootstrapping an, d.h. die Finanzierung aus eigenen Mitteln. Hierbei geht das Startup bewusst in kleinen, überschaubaren Schritten vor. Häufig sind die Unternehmensgründer noch als Arbeitnehmer tätig. 

Welche Finanzierungsform man auch wählt - entscheidenden Einfluss auf den Erfolg hat das Netzwerk, in dem sich das Startup bewegt, dem es Input liefert, von dem es aber auch gestützt und - im weiteren Sinne - versorgt wird. Hierzu zählen Events, Barcamps, Netzwerktreffen, Coworking Spaces ebenso wie die Verkehrsinfrastruktur und die Kulturszene bis hin zu Universitäten und Instituten. In Berlin kommen noch zahlreiche Kreativ- und Innovationslabs hinzu. Einer der Vorzüge Berlins aus Sicht von Startups ist die Gegenkultur, die für ein tolerantes Klima sorgt. Für Richard Florida ist ein hohes Maß an Toleranz gegenüber abweichenden Meinungen und Lebensstilen eine der Voraussetzungen dafür, damit sich in einer Stadt eine lebhafte kreative Szene bilden kann. Auch in Unternehmen kann eine "konstruktive Opposition" nicht schaden. Als Beispiel nennen Giesa und Schiller Clausen u.a. die Synaxon AG. 

Die Zukunft der Arbeitswelt ist nach Ansicht von Giesa und Schiller Clausen von Projektnetzwerken geprägt. In Anlehnung an die Arbeiten von Chiapello und Boltanski soll die Ablehnung hierarchischer Strukturen zu einer Aufwertung von Eigeninitiative, Risikobereitschaft und Selbstorganisation führen. Der Mensch bewegt sich von Projekt zu Projekt; "Das Leben als Projekt", wie es Boltanski einmal formuliert hat. Die Aufgaben wechseln ebenso beständig wie die Menschen, mit denen man für eine begrenzte Zeit zusammenarbeitet. Das Projekt als Sinnstifter?
Waren im Zeitalter der Massenproduktion die Economies of Scale oder Ecomomies of Scope das Maß der Dinge, übernehmen diesen Status in der digitalen, vernetzten Ökonomie laut Giesa und Schiller Clausen die Economies of Adequacy. Darunter ist die adäquate Positionierung des Unternehmens bezogen auf die drei Achsen Größe, Verbund und Flexibilität zu verstehen. Statt nur eine der Achsen, Dimensionen zu optimieren oder zu maximieren, gilt es alle drei gleichzeitig zu fördern. Auf diese Weise soll beispielsweise verhindert werden, dass einige Kunden eine zu große Bedeutung für das Überleben des Unternehmens bekommen. Die Abhängigkeit von äußeren Faktoren soll auf ein gesundes Maß reduziert werden. 

Mit Gewerkschaften, Parteien, Verbänden und Ökonomen können Giesa und Schiller Clausen nicht allzu viel anfangen. Zu sehr sind sie noch dem Denken des Industriezeitalters verhaftet. Wer beispielsweise noch immer an den Homo Oecnomicus und effiziente Kapitalmärkte glaubt, ist noch nicht im neuen Zeitalter angekommen. 

Das Buch verstrahlt eine große, gleichwohl nicht übertriebene Portion Optimismus, was die Zukunft der Arbeitswelt und der Gesellschaft betrifft. Von der Argumentation her hat es Ähnlichkeit mit Büchern wie Alles, außer gewöhnlich von Kreuz und Förster oder Die kreative Revolution. Was kommt nach dem Industriekapitalismus? von Wolf Lotter u.a. 

Man muss nicht alle Aussagen des Buches teilen - warum auch? Die Stimmen, die auf Parallelen zwischen der Dotcom-Blase und der aktuellen Startup-Explosion hinweisen, mehren sich - vor allem im Ausland. Bei aller Begeisterung für Startups, muss auch erwähnt werden, dass ihre Überlebensrate sehr gering ist. Manche Schätzungen gehen gar davon aus, dass nur 10 Prozent der Startups überleben. 

Auch wird sich noch zeigen müssen, ob Risikobreitschaft, Eigeninitiative und Selbstorganisation wirklich so segensreiche Konsequenzen für die Menschen hat, wie Giesa und Schiller Clausen annehmen. Solange Akteure wie einige Banken ihre Verluste sozialisieren und ihre Gewinne ungehindert privatisieren können, besteht noch Verbesserungsbedarf. Es bleibt zu klären, wie groß das Ausmass von Risiken ist, die sich nur auf gesellschaftlicher Ebene begrenzen lassen. Einzelpersonen, ganz gleich wie flexibel oder kreativ sie sind, stossen hier an Grenzen. Hier brauchen wir neue Ansätze. 

Die Kritik soll nicht darüber hinweg täuschen, dass das Buch zahlreiche wertvolle Hinweise und Gedanken enthält, die zeigen, dass wir uns in großen Schritten in eine andere Welt bewegen. Die Startups sind Vorboten des Wandels. Ob sie mehr sind als das, wird die Zukunft zeigen.

Kurzum: Die Lektüre lohnt sich. 

Samstag, 5. April 2014

Skalenfreie Netze

Von Ralf Keuper

In den vergangenen Jahren haben sich, u.a. beflügelt durch die Verbreitung des Internet, mehrere Forscher mit der Frage der Attraktivität, der Fitness von Netzwerken beschäftigt, wie Albert Lászlo Barabási mit seinem Modell der skalenfreien Netzwerke. Darin hebt Barabasi die Bedeutung "prominenter Knoten", Naben (Hubs) für die Fitness eines Netzwerks hervor. 
Demzufolge gibt es in einem Netzwerk kein Standardmaß für "normale" Naben - daher Skalenfrei. 

Skalenfreie Netzwerke verfügen über eine hohe Widerstandsfähigkeit gegen zufällig auftretende Störungen, sind aber auf der anderen Seite äußerst anfällig, wenn eine oder mehrere zentrale Naben Ziel eines koordinierten Angriffs sind. Untersuchungen zufolge bricht ein skalenfreies Netzwerk zusammen, wenn zwischen 5 und 15 Prozent seiner Naben, zum Beispiel durch Computerviren, attackiert und zerstört werden. 

Dem Modell skalenfreier Netzwerke kommt das Internet sehr nahe. Durch die Kenntnis der Schwachstellen skalenfreier Netzwerke ist es möglich, Gegenmaßnahmen zu deren Schutz zu ergreifen. Den Naben eines skalenfreien Netzwerkes könnte man mit einiger Berechtigung zugestehen, ähnlich wie einige Banken derzeit, "systemrelevant" zu sein.  

Weitere Informationen:



Freitag, 4. April 2014

Standorttheorie 2.0

Von Ralf Keuper

Die Theorie der unternehmerischen Standortwahl von Alfred Weber, jüngerer Bruder von Max Weber, und überdies Doktorvater von Franz Kafka und Erich Fromm, zählt noch immer zu den brauchbarsten ihrer Art, obwohl sie bereits 1909 erschien und auf das damals im Zenit stehende Industriezeitalter ausgelegt war. Weber ging in seiner Theorie von der Gewinnmaximierungsabsicht der Unternehmer aus, die als Einzelpersonen nach den Prinzipien des Homo Oeconomicus, d.h. stets rational und auf Basis (nahezu) vollständiger Information, handelten. Wesentlich für die Standortwahl sind nach dem Modell Webers die Transportkosten, die bei den Rohstofflieferungen und/oder für die Distribution zu den Kunden anfallen. Weiteres Kriterium sind die Arbeitskosten.

Bei den Rohstoffen unterschied Weber zwischen lokalisierten, d.h. am Standort vorhandenen, und ubiquitären, d.h. standortungebundenen. Mittels eines aufwendigen Rechenverfahrens wird der optimale Standort bestimmt. Abgewogen wird dabei u.a. zwischen dem Materialstandort, dem Konsumort und dem Standort mit den niedrigsten Arbeitskosten.

Im Zeitalter der digitalen Ökonomie sind viele der Annahmen aus Webers Modell kaum noch zu verwenden. Jedoch sind eine wichtige Parallelen vorhanden. Die >Information Centric Industries< wie Banken, Versicherungen, IT- und Medienunternehmen verarbeiten ubiquitäre Rohstoffe – Daten und Informationen. Diese Rohstoffe sind prinzipiell an keinen Standort gebunden. Als Kostenfaktor ins Gewicht fallen neben den Ausgaben für das Personal und Miete insbesondere auch die Energiekosten, die nicht unwesentlich sind. Weiterhin sind steuerliche Fragen ebenso für die Standortwahl von Bedeutung wie der Zugang zu Fördermitteln und wichtigen Kontakten (Investoren, Wissenschaftler, Kommunalpolitiker, Wirtschaftsförderer etc). Die unmittelbare Nähe zu den Abnehmern ist im Vergleich dazu anscheinend von untergeordneter Bedeutung, was vielleicht auch erklärt, dass Berlin, trotz seiner geringen Zahl von Banken und Industrieunternehmen, eine hohe Anziehungskraft für Startups besitzt.

Eine Standorttheorie 2.0 ist demnach mehr als überfällig. Ansätze, wie die von Richard Florida und Ernest J. Wilson,   weisen zwar in die richtige Richtung, reichen m.E. aber nicht aus, um eine ausreichende Erklärung dafür zu liefern, welche Standorte im digitalen Zeitalter für Firmengründungen besonders geeignet sind. 


Dienstag, 25. März 2014

Leitmotiv vernetztes Denken. Für einen besseren Umgang mit der Welt (Frederic Vester)

Von Ralf Keuper

Kaum jemand hat in den letzten Jahrzehnten im deutschsprachigen Raum so viel zur Verbreitung des ökologischen Denkens beigetragen wie der inzwischen verstorbene Frederic Vester. In seinem Buch Leitmotiv Vernetztes Denken, in dem seine verschiedenen Beiträge zu den Themen Ökologie und vernetzte Systeme versammelt sind, liefert Vester nach wie vor inspirierende Gedanken. Er schreibt:
Die Gesamtheit einer Lebensgemeinschaft (Biozönose) zusammen mit ihrer Umwelt, in der sie integriert ist und mit der sie zu einem überlebensfähigen System organisiert ist, wird daher als Ökosystem bezeichnet. Überlebensfähigkeit bedeutet dabei – bei aller Fluktuation des Lebendigen – eine gewisse Stabilität. Stabilität wiederum verlangt die Einhaltung von Gleichgewichten, und dies wiederum funktioniert bei offenen Systemen am besten über Mechanismen der Selbstregulation unter möglichst wenig Input von Energie und unter möglichst vollständiger Schonung der zur Verfügung stehenden nichterneuerbaren Ressourcen. …
Im weiteren Verlauf benennt Vester acht Prinzipien der Natur, die das Überleben garantieren: 
  • Das Prinzip der negativen Rückkopplung: Das bedeutet Selbststeuerung durch Aufbau von Regelkreisen statt ungehemmte Selbstverstärkung oder - nach dem Umkippen - Selbstvernichtung. Negative Rückkopplung muss daher über positive Rückkopplung dominieren. 
  • Das Prinzip der Unabhängigkeit von Wachstum: Die Funktion eines Systems muss auch in einer Gleichgewichtsphase gewährleistet sein, das heisst vom quantitativen Wachstum unabhängig sein. Denn ein permanentes Wachstum für alle Systeme ist eine Illusion.
  • Das Prinzip der Unabhängigkeit vom Produkt: Überlebensfähige Systeme müssen funktions- und nicht produktorientiert arbeiten. Produkte kommen und gehen. Funktionen aber bleiben.
  • Das Jiu-Jitsu-Prinzip: Hier geht es um die Nutzung vorhandener, auch störender Kräfte nach dem Prinzip der asiatischen Selbstverteidigung, statt ihrer Bekämpfung nach der Boxermethode mit teurer eigener Kraft.
  • Das Prinzip der Mehrfachnutzung: Es gilt für Produkte, Funktionen und Organisationsstrukturen. Es führt durch Verbundlösungen zu Multistabilität und bedeutet eine Absage an sogenannte Hundertprozentlösungen.
  • Das Prinzip des Recycling: Es bedeutet Nutzung von Kreisprozessen zur Abfall- und Wärmeverwertung. Das vermeidet sowohl Knappheit als auch Überschüsse.
  • Das Prinzip der Symbiose: Das heisst gegenseitige Nutzung von Verschiedenartigkeit durch Kopplung und Austausch. Das aber verlangt kleinräumigen Verbund. Monostrukturen können daher nicht von den Vorteilen der Symbiose profitieren.
  • Das Prinzip des biologischen Designs: Auch diese Regel lässt sich auf Produkte, Verfahren und Organisationsformen gleichermaßen anwenden. Es bedeutet Feedbackplanung mit der Umwelt, Vereinbarkeit von Resonanz mit biologischen Strukturen, insbesondere auch derjenigen des Menschen. 
Weiterhin schreibt er: 
Die Grundbedingung für die Überlebensfähigkeit eines Systems ist aber in jedem Fall und in jedem Zustand eine möglichst gut funktionierende Selbststeuerung von außen. Und zwar gerade , weil alle realen Systeme nach außen offen sind.
Berührungspunkte bestehen u.a. zu den Design-Prinzipien von Dieter Rams wie auch zur Resonanztheorie von Friedrich Cramer. Ebenso zur Synergetik von Hermann Haken.  

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