Dienstag, 26. November 2013

Wettbewerbsfaktor Kreativität?

Von Ralf Keuper

Die Kreativität, die lange Zeit nur mit herausragenden geistigen Schöpfungen in der Kunst und Wissenschaft in Verbindung gebracht wurde, hat mittlerweile auch in den Unternehmen Einzug gehalten. Um sich vom Wettbewerb zu differenzieren, reicht es nicht mehr aus, standardisierte Produkte und Dienstleistungen kostengünstiger und in kürzeren Zeitabständen anzubieten - so der allgemeine Tenor. Die Zeit der Skaleneffekte scheint ein für allemal vorbei zu sein. Der Kunde schaltet sich mittels Crowdsourcing und Co-Creation in die Produktgestaltung ein, um seine Bedürfnisse erfüllt zu sehen. Da die Kunden kreativer werden, müssen sich auch die Unternehmen einiges einfallen lassen, um als gleichwertiger Partner wahrgenommen zu werden - vor allem in der sog. Digitalen Ökonomie.

Große Hoffnungen richteten sich dabei vor Jahren auf das Wissensmanagement.

Beispielhaft für diesen Trend ist der Beitrag Wettbewerbsfaktor Kreativität - Strategien, Konzepte und Werkzeuge zur Steigerung der Dienstleistungsperformance von Walter Ganz und Sybille Hermann aus dem Jahr 2000.

Dort heisst es u.a.
Eine Konzentration auf definierte Wissensgebiete und Kernkompetenzen hat aber nicht nur Auswirkungen auf die Unternehmens- und Arbeitsorganisation, sie bestimmt mittelfristig auch die Kreativität und Innovationskraft der Firmen. Neue Ideen entstehen durch die unorthodoxe Verknüpfung heterogenen Wissens. Diese setzt natürlich voraus, dass tatsächlich ein breites Wissensspektrum vorhanden ist. Je stärker die Spezialisierung eines Unternehmens ist, desto homogener wird der Wissens- und Erfahrungshintergrund der Mitarbeiter. Das bestehende Leistungsangebot kann dann zwar auf hohem Niveau verfeinert und optimiert werden, die Wahrscheinlichkeit, dass aus eigener Kraft wirklich neue Ideen entstehen, nimmt jedoch ab.
Als Maßname empfahlen die Autoren die Beherrschung sog. "wissensintegrativer Prozesse". Eine Schlüsselrolle haben dabei die Wissensintegratoren, die dafür zuständig sind, dass verschiedenen Aktivitäten zu einem sinnvollen Ganzen koordiniert werden und sich alle Beteiligten - in bestimmten Fragen -  auf einer gemeinsamen Verständigungsebene bewegen.

Mittlerweile ist es um das Thema Wissensmanagement recht ruhig geworden. Zu offensichtlich sind die  die Defizite dieses Ansatzes. Die Innenperspektive hatte gegenüber der Außenperspektive ein deutliches Übergewicht. Die Auswirkungen des Internets auf die grenz- und unternehmensübergreifende Zusammenarbeit waren zu dem Zeitpunkt noch nicht in vollem Umfang absehbar, wie sie Stephen Johnson in seinem Buch Wo gute Ideen herkommen oder Jeremiah Owyang (The Collaborative Economy), Jay Deragon (Relationship Capital) und Greg Satell (Bayesian Strategy) in ihren Beiträgen eindrücklich schildern.

Vieles spricht dafür, dass sich die Netzwerkorganisation durchsetzen wird. Entscheidend für den Fluss von Ideen sind darin vor allem die losen Verbindungen, die eher zufälligen Bekanntschaften, die sich kaum im klassischen Sinn "managen" lassen. Diese Sicht ist zu statisch und zur sehr auf Dauer angelegt. In einer rasch sich ändernden Umwelt der falsche Weg. 

Allerdings lassen stößt auch die Netzwerkorganisation an bestimmte, zeitliche Grenzen - insbesondere was die Kreativität und das Lernen angeht, wie Ganz und Hermann an einer anderen Stelle zu Recht hervorheben, wobei sie sich auf die Concept-Map von Novak beziehen:
Novak beschreibt Kreativität als eine Funktion des Fach- und Erfahrungswissens einer Person, der Motivation, Neues zu schaffen und des "Bedeutungsvollen Lernens". Diese Form des Lernen besteht darin, sich neue Konzepte anzueignen und sie in die bestehende Wissensstruktur zu integrieren. Um zu kreativen Einsichten zu gelangen genügt es nicht, lediglich das technische Vokabular einer anderen Disziplin zu lernen .. , es muss die volle konzeptionelle Bedeutung dieses Vokabulars begriffen werden, was Jahre dauern kann. (in: Wissensintegrative und koordinative Dienstleistungstätigkeiten. Erfolgsfaktoren für einen nachhaltigen Wettbewerbsvorsprung) 
Es braucht Zeit,  damit eine Gesellschaft, eine Organisation und eine einzelne Person sich neue Verhaltens- und Sichtweisen aneignen können. Hier haben wir es mit verschiedenen, wenn man so will, Zeitzonen zu tun; Systemzeiten und Eigenzeiten im Sinne von Helga Nowotny, Friedrich Cramer u.a.  Eine Frage der Synchronisation. Fragen, die sich daran anschließen: Welche Lernvorgänge können beschleunigt werden, und welche nicht, wenn man Kreativität fördern will? Wo endet der eigene Einflussbereich? Welchen Input brauchen wir und wo finden wir ihn? Welche Kreativität meinen wir eigentlich?

und

Wo ist der kommende Eisberg?

Wer sich für die Entwicklungsgeschichte der Kreativität interessiert, sei auf den sehenswerten Kurzfilm creare verwiesen. 

Mittwoch, 13. November 2013

Auf der Suche nach der Organisationsform der Zukunft

Von Ralf Keuper

Die Frage nach der passenden Organisationsform stellt sich für Unternehmen dringender denn je. Vorbei die Zeiten, in denen man ein Unternehmen nach den Regeln des Bürokratiemodells von Max Weber organisieren konnte. Hierarchien haben im Zeitalter der digitalen Ökonomie, so scheint es jedenfalls, ausgedient. Nur wenige Stimmen sind zu vernehmen, die Zweifel an den segensreichen Wirkungen flacher Hierarchien und der Selbstorganisation anmelden, wie Stefan Kühl.

Seit Jahrzehnten sind die betriebswirtschaftliche und soziologische Forschung auf der fieberhaften Suche nach dem Organisationsmodell der Zukunft. Nach dem bereits erwähnten Übervater der Organisationsforschung Max Weber machten sich weitere Wissenschaftler und Autoren daran, Anforderungen an die Organisation der Zukunft zu formulieren. Neben Management-Vordenkern wie Peter F. Drucker, Tom Peters und Don Tapscott waren und sind es Wissenschaftler wie der Systemtheoretiker Niklas Luhmann und Betriebswirtschaftler wie Wolfgang H. Staehle, Alfred Kieser, Jörg Sydow und Arnold Picot, die sich auf die Suche begaben.

Die verschiedenen Suchpfade laufen fast ausnahmslos in dem Modell der Netzwerkorganisation zusammen. Einen ausgesprochen lesenswerten Überblick liefert Jörg Sydow. Begriffe wie der des Netzwerks legen es nahe, den Blick in benachbarte Disziplinen wie der Biologie zu lenken. So spielen Gedanken aus der Evolutionslehre dann auch eine große Rolle. Schlagworte wie Interdependenz, Selbstorganisation, Nicht-Linearität und Chaos zählen daher zum Begriffsrepertoire. Sydow macht darauf aufmerksam, dass bei aller Analogie zur Evolutionstheorie die Bedeutung des Handelns der Akteure nicht übersehen werden darf. Auch verdient der Einfluss situativer Faktoren Beachtung. Überhaupt ist eine Co-Evolutionäre Sichtweise am besten geeignet, die verschiedenen Entwicklungsstränge miteinander zu verbinden, wie Sydow hervorhebt:
Diese gleichsam "doppelte Einbettung" der Entwicklung von interorganisationalen Netzwerken in die Entwicklung der einzelnen Netzwerkmitglieder und in die Ereignisse der Netzwerkumwelt wird von der koevolutionären Perspektive zu Recht herausgestellt. (Quelle: Jörg Sydow: Dynamik von Netzwerkorganisationen - Entwicklung, Evolution, Strukturation, in: Management von Netwerkorganisationen - Beiträge aus der Managementforschung, 2009)
Eine etwas andere Sicht auf die Funktionsweise von Netzwerkorganisationen liefert Mark Granovetter in seinem wegweisenden Aufsatz The Strenght Of Weak Ties. Darin betont er die Bedeutung sog. schwacher Verbindungen für den beruflichen Aufstieg wie auch für die Entstehung von Innovationen. Anders als häufig noch angenommen, kommen die besten Gedanken und Ideen häufig von Menschen, mit denen man nur in loser Verbindung steht und nicht von Personen, mit denen man ständig Kontakt hat und die darüber hinaus ähnliche Ansichten haben. Netzwerkorganisationen haben dadurch, dass sie lose Verbindungen in großer Zahl zulassen können, einen nicht zu unterschätzenden Vorteil bei der Gewinnung neuer Ideen sowie interessanter Gesprächs- und Geschäftspartner.

Einhergehend damit verlieren die Organisationen die altbekannte Stabilität aus einer Zeit, in der die Umwelt sich relativ vorhersagbar verhielt und Hierarchien für die Unternehmenssteuerung ausreichende Flexibilität garantierten. Allerdings ist auch im Zeitalter der Interdependenz ein gewisses Maß an Stabilität und Verlässlichkeit nötig. Werte wie Vertrauen, Gegenseitigkeit und Fairness gewinnen damit an Gewicht. Friedrich Cramer weist in seinen Büchern Der Zeitbaum und Symphonie des Lebendigen. Versuch einer allgemeinen Resonanztheorie auf die enge Verbindung der Zeitdimensionen mit Strukturen hin, die in der Aussage gipfeln:
Struktur ist gebremste Zeit. 
Selbst Dave Gray kommt in seinen Buch The Connected Company nicht ohne Stabilität aus. Seiner Ansicht nach wird die Zukunft von Podularen Organisationen bestimmt:
A podular oragnization is a fractal organization: every pod is an autonomous fractal unit that represents, and can function on behalf of, the business as a whole. 
Die Theorie der Fraktale übt seit einiger Zeit eine große Anziehungskraft auf die Organisationsforschung aus. Bisher blieb es jedoch bei Versuchen und Analogien. Hierzu zählt für mich auch das Modell der Fraktalen Fabrik von Warnecke. Vielversprechender erscheint mir da Hermann Hakens Ansatz der Synergetik.

Am geeignetsten für weitere Überlegungen und für die Praxis erscheinen mir derzeit das bereits erwähnte Buch von Gray und die Gedanken bzw. Ansätze von Greg Satell, Jay Deragon und Jeremiah Owyang.

Samstag, 9. November 2013

Wie die Dezentralisierung Europa zum Handels- und Produktionszentrum der Welt machte

Von Ralf Keuper

In ihrem informativen Buch Das Buch vom Markt. Eine Wirtschafts- und Kulturgeschichte formulieren Gerd Hardach und Jürgen Schilling eine interessante These zum Aufstieg Europas im Mittelalter zum führenden Handels- und Produktionszentrum der Welt. Als Ursache machen sie die stark ausgeprägte Zersplitterung der Länder in Westeuropa zu Beginn des 11. Jahrhunderts aus. Hatten das byzantinische und das islamische Reich bis dahin stark von ihrer Zentralisierung profitiert, setzte in dem rückständigen Europa ein langsamer Aufholprozess ein. Gerade die Tatsache, dass sich im feudalen Europa die verschiedenen Städte, Regionen und Familien untereinander häufig im Streit befanden, war der Nährboden für den Siegeszug des Marktes. Ein im Rückblick kreatives Chaos:
ausgerechnet dieses Europa führte die wirtschaftliche Entwicklung weiter als die wohlorganisierte Gesellschaft der römischen Antike und als irgendeine der anderen in Großreichen organisierten Gesellschaften. Offenbar war unter den gegebenen Bedingungen eine bis an die Grenze der Anarchie reichende Dezentralisierung das geeignete Milieu, um langfristig zunehmende Arbeitsteilung, vermehrten Tausch und Produktivitätssteigerungen anzuregen. Neben die Entfaltung des Individuums trat der Zwang, neue soziale Institutionen zu entwickeln, um gleichsam befriedete Inseln innerhalb des allgemeinen Chaos zu bilden. (ebd.)
Interessanterweise stellt Marcus Popplow in seinem Buch Technik im Mittelalter ähnliche Überlegungen an:
Die vorläufig vielleicht plausibelste These für dieses kontinuierliche >Aufschaukeln< technischer Entwicklungen ist, dass Europa seit dem Zerfall der karolingischen Zentralmacht durch miteinander auf engem Raum konkurrierende Machtzentren gekennzeichnet war. Technische Entwicklungen waren dabei sowohl für den kulturellen, als auch für den ökonomischen und militärischen Wettbewerb europäischer Herrscher unverzichtbar. 
Ebenso Fareed Zakaria in Der Aufstieg der Anderen. Das postamerikanische Zeitalter:
Europa wurde durch breite Flüsse, hohe Gebirge und große Täler zerteilt. Diese Topographie brachte viele natürliche Grenzen hervor und förderte die Entstehung politischer Gemeinschaften unterschiedlicher Größe: Stadtstaaten, Herzogtümer, Republiken, Nationen und Königs- oder Kaiserreiche. Im Jahr 1500 zählte Europa über fünfhundert Staaten, Stadtstaaten und Fürtentümer. diese Vielfalt hatte zur Folge, dass ein ständiger Wettbewerb um Ideen, Menschen, Kunstwerke,Geld und Waffen herrschte. Menschen, die an einem Ort misshandelt oder von dort verbannt wurden, konnten an einen anderen fliehen und reich werden. Erfolgreiche Staaten wurden nachgeahmt, die scheiternden verschwanden. Im Lauf der Zeit führte dieser Wettstreit dazu, dass die Europäer sehr geschickt darin wurden, reich zu werden und Kriege zu führen.  
Wie diffizil die Auseinandersetzung mit dem Erfolgsmodell Europa während des Mittelalters ist, zeigt u.a. das Buch Europa - Grundlagen eines Sonderwegs von Michael Mitterauer. 

Lesenswert in dem Zusammenhang sind Krieger und Bauern: Die Entwicklung der mittelalterlichen Wirtschaft und Gesellschaft bis um 1200 von Georges DubyStadt und Handel im Mittelalter von Henri Pirenne und Die Dynamik des Kapitalismus von Fernand Braudel

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