Donnerstag, 14. Februar 2013

"Web of Life: die Kunst vernetzt zu leben" von Michael Gleich

Von Ralf Keuper

Das o.g. Buch von Michael Gleich gilt mittlerweile als ein Standardwerk für das Leben im Netz bzw. für das vernetzte Leben oder die Netzwerkökonomie. Obwohl „das“ Netz im Mittelpunkt des Buches steht, scheint eine genaue Beschreibung dessen, worum es sich bei „dem“ Netz handelt, geradezu  unmöglich, ja eigentlich auch nicht wünschenswert, da es dem Wesen des  „Web of Life“ widersprechen würde – wie sich ja überhaupt das Leben nicht fixieren lässt. 

Überhaupt übt die Biologie auf die Vordenker der Kunst vernetzt zu leben eine große Anziehungskraft aus, weshalb auch Begriffe wie Ko-Evolution und Selbstorganisation zum Standardrepertoire gehören, mit dessen Hilfe ökonomische und soziale Phänomene im Zusammenleben der Menschen, häufig anhand von Analogien,  erklärt werden.  Insgesamt krankt eine solcher Ansatz daran, dass zumindest implizit biologische und soziale Vorgänge gleichgesetzt werden, wobei „das“ Leben die Klammer bildet. Nun gibt es aber nach wie vor keine wissenschaftliche Erklärung für „das“ Leben (vlg. Friedrich Cramer und Erwin Chargaff). Um so erstaunlicher ist es daher, wie unbekümmert sich Michael Gleich zwischen den Ebenen bewegt und dabei zumindest auf mich den Eindruck hinterlässt, als seien die Grenzen nur mentaler Art.  

Allein der Hinweis auf das Gödelsche Theorem würde ausreichen, um zu verdeutlichen, dass eine Theorie niemals vollständig und konsistent zugleich sein kann, d.h. holistische Ansätze, gleich welcher Art, haben von Geburt an einen „Web-Fehler“.  Soziologische Phänomene lassen sich daher niemals vollständig auf biologische zurückführen und von biologischen Beobachtungen aus lassen sich auch niemals Voraussagen im Maßstab 1:1 auf menschliches Verhalten ableiten – dabei spielt es keine Rolle ob der Ansatz sich nun dem Netz, dem Markt, der Synergetik, der Resonanz, den Fraktalen oder sonst noch verpflichtet fühlt. Es sind und bleiben Konstrukte.  
Obwohl Michael Gleich an einigen Stellen ähnliche Ansichten formuliert, vertritt er anderenorts einen entgegengesetzten Standpunkt z.B. dann, wenn er zum Schluss des Buches über das Global Brain als dem elektronischen Nervensystem des blauen Planeten bzw. das planetare Superorgan fabuliert. 

Wenn man sich dieser Einschränkungen bewusst ist, enthält das Buch dennoch einige Passagen, über die m.E. nachzudenken lohnt, wie z.B. sein Vorschlag für eine Bionik der Netze. 

Freitag, 8. Februar 2013

"Der Halo-Effekt. Wie Manager sich täuschen lassen" von Phil Rosenzweig

Von Ralf Keuper

Das Buch räumt mit einer Vielzahl von Mythen und Legenden auf, die sich um die Erfolgsgeheimnisse der Top-Unternehmen wie einst Kodak, Digital Equipment, ABB und ihrer Lichtgestalten gebildet haben. Die Wahrheit ist häufig weitaus profaner: Der Erfolg hängt nicht selten von Zufällen, Sondereffekten und anderen situativen Faktoren ab, und weitaus weniger von der visionären Eingebung des Top-Managements oder der herausragenden Unternehmenskultur. Häufig werden Ursache und Wirkung verwechselt. Dass eine herausragende Unternehmensperformance fast immer automatisch mit einer klaren Strategie, offener Kommunikation, gemeinsam Werten, Innovationskraft usw. attribuiert wird, ist nicht überraschend. Ungewöhnlich ist dagegen der schlagartige Stimmungswechsel bei den Kommentatoren, die über ein Unternehmen, das sie noch im Jahr zuvor wegen seiner herausragenden Führung, Produkte und Kultur gelobt haben, bei nachlassender Performance auf einmal das genaue Gegenteil schreiben. 

Ein weiterer Beleg dafür, dass man Aussagen und Artikeln von Journalisten, Management-Gurus, Beratern und vor allem, sog. Analysten, mit der gehörigen Portion Skepsis begegnen sollte. Das Kurzzeitgedächtnis der genannten Kreise ist allzu oft stark ausgeprägt. 

Als Kontraindikatoren bleiben sie weiterhin von unschätzbarem Wert ;-) 

"So managt die Natur" von Matthias Nöllke

Von Ralf Keuper

In dem Buch So managt die Natur zieht der Autor Matthias Nöllke z.T. verblüffende Parallelen zwischen dem Verhalten biologischer und sozio-technischer Systeme. Viele Beispiele erinnern an die Gedanken von Peter M. SengeArie de Geus und Fredmund Malik. Allen gemeinsam ist die Betrachtung der Wirtschaft, inbesondere der Unternehmen, als lebende Systeme. 

Ein lebendes System kennt eigentlich nur ein Ziel: Das eigene Überleben. Auf Unternehmen übertragen führt das dazu, dass hohe Löhne, die Beschaffung von qualifiziertem Personal wie auch der Einsatz moderner Technologie in ihrer Bedeutung für das Überleben des Systems betrachtet werden.

Im weiteren Verlauf vergleich Nöllke das Verhalten von und in Unternehmen mit dem diverser Tierarten, wie z.B. in den Kapiteln "Tarnen und Täuschen", "Kooperation und Konkurrenz" und "Management im Termitenhügel - die Geheimnisse der Schwarmintelligenz".

Wenn man sich immer vergegenwärtigt, dass es sich mehr um Analogien und weniger um identische Verhaltensmuster handelt, ist die Lektüre ein Gewinn.