Dienstag, 29. Januar 2013

"Die kreative Revolution - Was kommt nach dem Industriekapitalismus?" von Wolf Lotter

Von Ralf Keuper

Das  Buch Die Kreative Revolution  von Wolf Lotter, vielen bekannt durch seine Beiträge im Wirtschaftsmagazin brand eins, beschäftigt sich mit dem Wirtschafts- und Gesellschaftssystem der Kreativ- bzw. Ideenökonomie, das im Begriff ist, den Industriekapitalismus der vergangenen Jahrzehnte vielleicht nicht vollständig zu ersetzen, ihn zumindest jedoch zu ergänzen oder zurückzudrängen.

Ähnliche Gedanken wie von Wolf Lotter und seinen Co-Autoren Lutz Engelke, Peter Felixberger, Dieter Gorny, Matthias Horx, Ralf Langwost und Gesa Ziemer wurden bereits zuvor von Alvin Toffler ("Der Zukunftsschock", "Machtbeben") Daniel Bell ("Die nachindustrielle Gesellschaft") wie in letzter Zeit von David Romer ("Idea-Driven Economy") und Richard Florida ("The rise of the creative class") vorgestellt. Richard Florida hat für die Autoren eine Sonderstellung. Von ihm stammt die These oder Aussage, dass in Zukunft über die Attraktivität eines Wirtschaftsstandortes weniger bis gar nicht die klassichen Merkmale wie Bodenschätze und günstige Transportwege entscheiden werden, sondern die gelungene Kombination aus den drei T´s - Talente, Technologie und Toleranz. Die Angehörigen der kreativen Klasse benötigen für die Aufrechterhaltung ihres Ideenstroms ein entsprechendes Umfeld, das ihre Neigungen und Talente in besonderer Weise anspricht. Hierzu zählt neben der Möglichkeit, mit modernster Technologie arbeiten zu können, auch die Toleranz gegenüber abweichenden Meinungen, Kulturen und Lebensstilen. Das erfordert in vielen Bereichen eine Abkehr von der durch die Industrialisierung geprägten Arbeitswelt, in deren Zentrum noch immer die am Output messbare Effizienz, die Wiederholbarkeit sowie die Austauschbarkeit der "klassischen" Produktionsfaktoren Arbeit, Boden und Kapital steht.  

Die Tatsache, dass heute der Faktor Wissen für die Herstellung intelligenter Produkte und Dienstleistungen an Bedeutung gewinnt, gerät demgegenüber noch häufig ins Hintertreffen. Die Kreativökonomie entzieht sich der bisher gültigen (betriebs-) öknonomischen Rationalität, wonach wirtschaftlicher Erfolg kalkulierbar und planbar ist. Kreative Prozesse, die auf einen offenen Ausgang zielen, der über weite Strecken unökonomisch ist, finden in dieser Logik keinen Raum. Allzu häufig wird nach Ansicht von Wolf Lotter und den Co-Autoren Kreativität mit künstlerischem Genie gleichgesetzt, das sich außerhalb "normaler", ökonomischer Sphären befindet. 

Diese verkürzte Sicht auf Kreativität ist es denn auch, die in vielen Betrieben Kreativität, wenn überhaupt, nur auf einem sehr begrenzten und kontrollierbaren Raum gedeihen lässt. Überhaupt widerspricht die Kreativökonomie der gängigen Führungspraxis in den Unternehmen, die von Macht- und Statusdenken beherrscht wird. Kreativität mit ihrer Betonung offener Prozesse und Nichwissen passt nicht in das Selbst- und Weltbild der oberen Führungsebenen. Noch immer bestimmt in vielen Unternehmen die von John Kenneth Galbraith beschriebene Technostruktur die Regeln und damit das Geschehen. Die noch aus der Hochphase der Industrialisierung stammenden Organisationsformen geraten immer mehr in Kontrast zu den Prinzipien einer offenen Gesellschaft und nicht zuletzt auch zu den von Richard Florida ins Spiel gebrachten Pfeilern der Kreativökonomie Talente, Technologie und Toleranz. Wenngleich die Ökonomie der Hauptuntersuchungsgegenstand ist, sind die anderen Bereiche oder Teilsysteme der Gesellschaft wie die Kultur von mindestens ebenso großer Bedeutung für die wachsende Verbreitung der Kreativität. Die Trennung von Kultur und Wirtschaft, wie sie inbesondere in Deutschland in den Köpfen vorherrscht, wirkt daher immer künstlicher. Insofern ist ein von Kreativität geprägtes Berufsleben nicht mehr nur das Vorrecht einer "Elite", sondern steht allen Menschen in gleicher Weise zu, die bereit sind, auch die entsprechenden Risiken auf sich zu nehmen. Denn zu glauben, ein von Kreativät bestimmtes Leben wäre ein "Selbstläufer" wäre naiv - im Gegenteil: Der Einsatz für den einzelnen ist höher - dafür aber auch der potenzielle Ertrag, der sich nicht nur ökonomisch, sondern nach Ansicht der Autoren auch durch den persönlich erfahrenen Sinn der Tätigkeit bemerkbar macht. 

Wenngleich das Buch an einigen Stellen Widerspruch und Kopfschütteln auslöst, wie im Fall von Lutz Engelke mit seinem nebulösem "Erlebnispark des Kapitalismus", gibt das Buch einen gelungenen Überblick über den aktuellen Stand der Kreativökonomie und enthält darüber hinaus eine Vielzahl von Anregungen, die sich vielleicht nicht sofort in die Praxis umsetzen lassen wohl aber das Bewußtsein dafür schärfen, dass eine andere Arbeitswelt möglich ist und in absehbarer Zeit  für immer weitere Teile der (arbeitenden) Bevölkerung Realität wird. 

"Euro-Tsunami. Europa wird im Geld ertrinken" von Patrick Bernau

Von Ralf Keuper

Ein wichtiges Buch, zum richtigen Zeitpunkt - das schon mal vorab. In Euro-Tsunami. Europa wird im Geld ertrinken zeichnet Patrick Bernau, Leiter der Wirtschafts- und Finanzredaktion der Online-Ausgabe der FAZ, akribisch die Ursachen der gegenwärtigen Staatsschuldenkrise, die eigentlich nur eine logische Fortsetzung der von vielen schon als überwunden geglaubten Finanzkrise von 2008 ist, nach. Mehr noch: historischer Ausgangspunkt der Analyse ist der Börsencrash von 1987, der - rückblickend - als Blaupause für das nachfolgende Krisenmanagement der Notenbanken, insbesondere der amerikanischen unter ihrem legendären Chef Alan Greenspan, gelten kann.  

Jener nämlich sah sich im Jahre 1987 gezwungen, die Märkte durch eine Politik des billigen Geldes zu beruhigen, um so dem in der USA seit der Weltwirtschaftskrise von 1929 verbreiteten Trauma der Deflation entgegenzuwirken. Die Operation gelang - zunächst. Jedoch einmal „auf Drogen“ und an das zinsgünstig zu leihende Geld gewöhnt, war es nur allzu verlockend, zumal die Erfolge auf dem Arbeitsmarkt und das steigende Bruttoinlandsprodukt Kritik verstummen ließen, denselben „Trick“ bei jeder der sich dann in immer kürzeren Abständen anschließenden Krisen oder besser: geplatzten Blasen  anzuwenden. Ungeachtet der Tatsache, dass die Geldmenge dadurch in einem immer größeren Missverhältnis zur Wirtschaftsleistung trat, ein Umstand auf den schon der legendäre Irving Fisher warnend hinwies, fluteten die Notenbanken die Märkte mit frischem Geld, indem sie die Zinsen niedrig hielten.  

Es war der, inzwischen wieder zu neuen Ehren gelangte, Krisentheoretiker unter den Ökonomen, Hyman Minsky, der nicht müde wurde zu betonen, dass zu viel Geld zwangsläufig Blasen erzeuge. Wie wir in den letzten Jahren sehen konnten, war hiervon vor allem der Immobilienmarkt betroffen - zuerst in den USA und mittlerweile in fast noch größerem Ausmass in Spanien und Irland. Denn anders als von den Notenbankern beabsichtigt, floss das zinsgünstig von den Banken geliehene Geld in jenen Ländern nicht (oder nur kaum) in langfristige Anlageinvestitionen der Betriebe, sondern in den Kauf von Immobilien durch Privathaushalte. So wurde für viele der Traum von einem Eigenheim Realität, ehe er sich später in einen Albtraum verwandelte. 
Seitdem nun in den Ländern der „Peripherie“ die Immobilienpreise im Sturz- und die Arbeitslosenzahlen im Steigflug sind, sucht sich das immer noch reichlich vorhandene Geld  einen neuen Zufluchtsort, den es, wie u.a. die Target2-Salden nahelegen, in Deutschland gefunden zu haben glaubt. 

Hierzulande sorgt die enorme „Überschuss-Liquidität“, um im Jargon der Notenbanker zu formulieren, für wenig Beunruhigung. Gerne wird in dem Zusammenhang auf die niedrige Inflationsrate verwiesen. Nur liegt da nicht das Problem, zumindest nicht in der gängigen Betrachtungsweise. Wahr ist, dass die Preise in Deutschland, nicht zuletzt aufgrund der moderaten bis kaum vorhandenen Lohnsteigerungen, nur gering gestiegen sind. Dabei wird eine weitaus gefährlichere Variante der Inflation, die Vermögensinflation, außer acht gelassen, was um so erstaunlicher ist, da die Finanzkrise bei den Immobilien ihren Ausgang nahm. 

Ähnlich wie Patrick Bernau argumentierte Mark Dittli auf dem Blog „Never Mind The Markets“ 

So stellt Dittli mit Blick auf Irland und Spanien fest: 
Für beide war die Geldpolitik der EZB in den frühen Jahren der Währungsunion viel zu expansiv, das Zinsniveau war für ihre Wirtschaftsdynamik zu niedrig. In beiden Ländern lösten die tiefen Zinsen einen kolossalen Immobilienboom aus, der sich, angetrieben von einem wildgewordenen Bankensystem, zu einer kreditgetriebenen Spekulationsblase ausweitete 
Ein Schicksal, das auch Deutschland blühen könnte:
Was aber soll das Deutschland angehen? Nun, Deutschland ist heute dort, wo Spanien vor zehn Jahren stand: Die Geldpolitik der EZB ist heute zu expansiv für die deutsche Wirtschaft.
Was der Autor allerdings vergessen hat zu erwähnen, ist, dass die Situation auf dem schweizer Immobilienmarkt nicht minder brisant ist ;-) 

Für Patrick Bernau steht fest, dass die größte Gefahr von steigenden Vermögenspreisen ausgeht - allen voran Immobilien. 
So kommt er zum Schluss wieder zurück an den Ausgangspunkt, mit der treffenden Diagnose: 
Wir haben längst keinen Brand mehr zu löschen - die Eurozone steht vielmehr in der Gefahr, im Geld zu ertrinken.
Einige Autoren sehen dagegen die eigentliche Ursache von Finanz- und Immobilienblasen in der wachsenden Ungleichheit in der Bevölkerung. 


Bleibt die Frage: Welche Therapie ist angezeigt?


Zunächst müsste der Wirtschaft die überschüssige Geldmenge - in wohl dosierten Schritten - entzogen werden. Langfristig wird sich das Problem aber wohl nur lösen lassen, wenn das viele Geld wieder in die „Realwirtschaft“, d.h. in langfristige Anlageinvestitionen und/oder in die Wagnisfinanzierung fließt. Ob sich das allerdings mit den Renditeerwartungen der Akteure deckt ... 

Insgesamt also ein Buch, das auf nur 49 Seiten viel zum besseren Verständnis der gegenwärtigen wie auch der möglicherweise noch bevorstehenden Krisen beiträgt. Ein „Gewinn“ ist die Lektüre für den aufmerksamen Leser allemal.



Freitag, 25. Januar 2013

"Die Amerikanisierungsfalle - Kulturkampf in deuschen Unternehmen" von Ulrike Reisach

Von Ralf Keuper

Die Autorin Ulrike Reisach, hauptberuflich als Direktorin in der Strategieabteilung eines deutschen Großunternehmens tätig, stellt in ihrem Buch die amerikanische Art des Managements der deutschen, eher an Gründlichkeit und Ausgewogenheit orientieren Auffassung erfolgreicher Unternehmensführung gegenüber. Anders, als es der Titel vielleicht vermuten lässt, ist das Buch nicht in einem polemischen Stil verfasst, noch versäumt es die Autorin, auch die Vorteile der Amerikanisierung hervorzuheben. 

So besteht für sie das Erfolgsprinzip amerikanischer Konzerne und ihrer Belegschaften in einer hohen Begeisterungsfähigkeit allem Neuen gegenüber, auch wenn damit schwerwiegende Auswirkungen auf das Privatleben verbunden sind, z.B. mehrfache Orts- und Arbeitgeberwechsel. Daraus lässt sich in weiten Teilen auch die Dynamik erklären, von der nahezu alle Lebensbereiche in den USA geprägt sind. Eine, wenn nicht die, treibende Kraft hinter dieser Entwicklung sind die unzähligen Investmentgesellschaften, welche, insbesondere in der Zeit vor der aktuellen Finanzkrise, dank grosser finanzieller Mittel auch vor der Zerlegung von Großkonzernen keinen Halt machten, entsprechende Renditeaussichten vorausgesetzt. Ob die mit großen Versprechen verkündeten Übernahmen mit anschließender (Dauer-) Reorganisation wirklich immer dazu geführt haben, verborgene Schätze zu heben und den Unternehmenswert nachhaltig zu steigern, darf bezweifelt werden. Nicht zu Unrecht wirft die Autorin die Frage auf, ob die Betrachtung von Unternehmen nach reinen Kostengesichtspunkten, wie sie häufig als Begründung für das Outsourcing herangezogen werden, die einzig mögliche und wirtschaftliche sinnvolle Alternative ist. 
Begünstig wird dieser Trend durch die für amerikanischen Verhältnisse nicht unübliche Art, einen neuen Ansatz, wie das Business Process Reengineering, als den einzig wahren zu erklären. Schnell wird dann eine Methode in eine fast schon heilige Mission umgewandelt, für die schon sehr bald ein Heer von Motivitationstrainern bereit steht, um die frohe Botschaft in die Unternehmen zu tragen. Erste spektakuläre Maßnahmen, die gleich zu Anfang schon für aufsehenerregende Erfolge sorgen, scheinen alle Zweifler verstummen zu lassen. Die Tatsache, dass sich im Nachhinein viele der Wunderheilungen als Rohrkrepierer erweisen, fällt meistens unter den Tisch, da inzwischen schon die nächste Reorganisation angelaufen ist. 
Diese gewissermaßen plakative Beschreibung soll nicht verdecken, dass Ansätze wie das Business Process Engineering in Maßen und mit einem längern Zeithorizont angewandt, für die Steigerung der Effizienz in den Unternehmen von großem Nutzen sein kann. 

Auch der so viel gepriesene Optimismus der Amerikaner erweist sich bei näherem Hinsehen eher als Ergebnis einer Denkhaltung, die sich als pragmatisch ausgibt, für Reflexion oder Folgenabwägung aber wenig bis gar keinen Raum vorsieht. In dem Zusammenhang erwähnt die Autorin in die Arbeiten der Verhaltensökonomie, deren prominenteste Vertreter übrigens US-Amerikaner sind.

Jetzt wäre es allerdings verfehlt, aus der kritischen Grundhaltung der Autorin zu folgern, dass sich aus dem Vergleich mit den USA nicht auch Kritik an der deutschen Wirtschaftskultur ableiten liesse. Denn nirgendwo lassen sich die Defizite des deutschen Weges so veranschaulichen wie beim Thema Innovation. Deutschland, und da kann man der Autorin nur schwer widersprechen, ist traditionsgemäß stärker in der Entwicklung als in der Vermarktung von Produkten. Der typische deutsche Forscher und Entwickler zeichnet sich durch eine Arbeitsweise aus, die mit Gründlichkeit nur unzureichend und eher schon als Perfektionszwang beschrieben werden kann. Damit steht sie im schroffen Gegensatz zur pragmatischen Vorgehensweise der Amerikaner, die auch schon mal gerne „fünfe gerade sein lassen“ und schon zufrieden sind, wenn die Lösung überhaupt erst einmal funktioniert. Von Anfang an wird ein relativ überschaubarer Lebenszyklus eingeplant, wohingegen in Deutschland häufig für die Ewigkeit konstruiert wird. Das führt dann zwar oft zu beeindruckenden Lösungen, die dann wieder als Krönung deutscher Ingenieurskunst gefeiert werden, nur haben in der Zwischenzeit andere das Geschäft gemacht, nicht selten Amerikaner. Dieser vergleichsweise lockere Umgang der Amerikaner mit Perfektion und Qualität bewahrt sie vor dem sog. „Overengineering“ und dem Glauben daran, dass die beste Lösung, das beste Produkt am Ende erfolgreich sein wird. Alleine der Blick auf das Windows-Betriebssystem belehrt uns eines Besseren. Daher kommt es nicht von ungefähr, dass das Gegenstück zu Microsoft in der Softwarebranche mit SAP aus Deutschland kommt. Da blitzt sie noch durch jede Zeile des Softwarecodes durch – die deutsche Wertarbeit. Allerdings mit großem Erfolg. 
Auch bei der Übernahme amerikanischer Managementmethoden schießen die Deutschen häufig über das Ziel hinaus. Wo der Amerikaner auch mal vom Kurs der reinen Lehre abweicht und eine Abkürzung nimmt, auch Improvisation genannt, geht der Deutsche mit fast schon heiligem Ernst an die Sache heran, sobald er sich einer Methode oder einem Verfahren verschrieben hat. Dann gibt es kein sowohl als auch, sondern nur noch ein entweder oder. Das führt dann aktuell dazu, dass das Denken in Prozessen zum Dogma erhoben wird, das nur in seiner perfekten Ausprägung von Wert ist. 
Aber auch die Amerikaner neigen in manchen Bereichen zur Einseitigkeit. So beispielsweise in ihrer Zahlengläubigkeit und ihrem Formalismus. Die zahlenfixierten Kommentare der Börsenanalysten zu den Quartalsberichten sind schon legendär und haben für manche Markteilnehmer Kultstatus. Die strenge Überwachung der Konzernrichtlinien US-amerikanischer Unternehmen bei ihren Auslandstöchtern lassen noch so manchen deutschen Bürokraten vor Neid erblassen. 

Alles in allem ein gelungener Vergleich der beiden, in einigen Teilen, unterschiedlichen Wirtschaftssysteme auch wenn ich den Titel „Amerikanisierungsfalle“ für etwas marktschreierisch halte, zumal auch die Vorteile des amerikanischen Weges beleuchtet werden. Allerdings lässt sich aus dem Buch keine konkrete Handlungsanweisung für deutsche Unternehmen ableiten, eher ist es der Versuch, vor einem allzu sorglosen Umgang mit amerikanischen Methoden zu warnen.

Dienstag, 22. Januar 2013

"Hard Facts - Dangerous Half-Truths & Total Nonsense: Profiting From Evidence Based Management" von J. Pfeffer und R. Sutton

Von Ralf Keuper

Die beiden prominenten Professoren und Autoren Jeffrey Pfeffer und Robert I. Sutton setzen sich in ihrem Buch Hard Facts - Dangerous Half-Truths & Total Nonsense: Profiting From Evidence Based Management mit den gängigen Heilslehren im Beratungsbereich ebenso kritisch wie scharfzüngig auseinander. Dabei unterziehen sie die Versprechen der verschiedenen Ansätze einer Analyse, die sich auf die Prinzipien des Evidenz-basierten Manangements stützt, eines Konzepts, das seinen Ursprung in der Statistik und der Evidenz-basierten Medizin hat. Demzufolge werden Entscheidungen, Maßnahmen und Erfolgsgeschichten, wie sie häufig mit der Durchführung von (Re-) Organisationsmaßnahmen einhergehen, anhand harter Fakten getestet. 

So setzten sich die Autoren beispielsweise mit der noch immer weit verbreiteten Ansicht auseinander, Erfolg wie Misserfolg an dem Verhalten bestimmter Personen fest machen zu können. Das führt dann dazu, die Aufmerksamkeit auf die vermeintlichen Schwächen und Fehler oder die besonderen Gaben  bestimmter Personen zu lenken, ohne dabei die Gesamtleistung des Prozesses oder Unternehmensbereiches, und damit das Ganze, im Blick zu haben. Die Fixierung auf Kennzahlen kann diese Tendenz sogar noch verstärken.

Im gleichen Atemzug räumen die Autoren mit einem weiteren Vorurteil auf, dass für die Erzielung überdurchschnittlicher Ergebnisse stets die handelnden Personen ausschlaggebend sind. 

Daraus folgt jetzt nicht, dass  für schlechte Ergebnisse immer die Umstände verantwortlich sind, oder dass überdurchschnittliche Leistungen nie bestimmten Personen zugerechnet werden können. Allerdings ist eine Relativierung nötig, denn häufig sind kompetente Personen in einem chaotischen Umfeld sang und klanglos untergegangen und salopp gesagt "zum Deppen" (gemacht) geworden.