Samstag, 9. November 2013

Wie die Dezentralisierung Europa zum Handels- und Produktionszentrum der Welt machte

Von Ralf Keuper

In ihrem informativen Buch Das Buch vom Markt. Eine Wirtschafts- und Kulturgeschichte formulieren Gerd Hardach und Jürgen Schilling eine interessante These zum Aufstieg Europas im Mittelalter zum führenden Handels- und Produktionszentrum der Welt. Als Ursache machen sie die stark ausgeprägte Zersplitterung der Länder in Westeuropa zu Beginn des 11. Jahrhunderts aus. Hatten das byzantinische und das islamische Reich bis dahin stark von ihrer Zentralisierung profitiert, setzte in dem rückständigen Europa ein langsamer Aufholprozess ein. Gerade die Tatsache, dass sich im feudalen Europa die verschiedenen Städte, Regionen und Familien untereinander häufig im Streit befanden, war der Nährboden für den Siegeszug des Marktes. Ein im Rückblick kreatives Chaos:
ausgerechnet dieses Europa führte die wirtschaftliche Entwicklung weiter als die wohlorganisierte Gesellschaft der römischen Antike und als irgendeine der anderen in Großreichen organisierten Gesellschaften. Offenbar war unter den gegebenen Bedingungen eine bis an die Grenze der Anarchie reichende Dezentralisierung das geeignete Milieu, um langfristig zunehmende Arbeitsteilung, vermehrten Tausch und Produktivitätssteigerungen anzuregen. Neben die Entfaltung des Individuums trat der Zwang, neue soziale Institutionen zu entwickeln, um gleichsam befriedete Inseln innerhalb des allgemeinen Chaos zu bilden. (ebd.)
Interessanterweise stellt Marcus Popplow in seinem Buch Technik im Mittelalter ähnliche Überlegungen an:
Die vorläufig vielleicht plausibelste These für dieses kontinuierliche >Aufschaukeln< technischer Entwicklungen ist, dass Europa seit dem Zerfall der karolingischen Zentralmacht durch miteinander auf engem Raum konkurrierende Machtzentren gekennzeichnet war. Technische Entwicklungen waren dabei sowohl für den kulturellen, als auch für den ökonomischen und militärischen Wettbewerb europäischer Herrscher unverzichtbar. 
Ebenso Fareed Zakaria in Der Aufstieg der Anderen. Das postamerikanische Zeitalter:
Europa wurde durch breite Flüsse, hohe Gebirge und große Täler zerteilt. Diese Topographie brachte viele natürliche Grenzen hervor und förderte die Entstehung politischer Gemeinschaften unterschiedlicher Größe: Stadtstaaten, Herzogtümer, Republiken, Nationen und Königs- oder Kaiserreiche. Im Jahr 1500 zählte Europa über fünfhundert Staaten, Stadtstaaten und Fürtentümer. diese Vielfalt hatte zur Folge, dass ein ständiger Wettbewerb um Ideen, Menschen, Kunstwerke,Geld und Waffen herrschte. Menschen, die an einem Ort misshandelt oder von dort verbannt wurden, konnten an einen anderen fliehen und reich werden. Erfolgreiche Staaten wurden nachgeahmt, die scheiternden verschwanden. Im Lauf der Zeit führte dieser Wettstreit dazu, dass die Europäer sehr geschickt darin wurden, reich zu werden und Kriege zu führen.  
Wie diffizil die Auseinandersetzung mit dem Erfolgsmodell Europa während des Mittelalters ist, zeigt u.a. das Buch Europa - Grundlagen eines Sonderwegs von Michael Mitterauer. 

Lesenswert in dem Zusammenhang sind Krieger und Bauern: Die Entwicklung der mittelalterlichen Wirtschaft und Gesellschaft bis um 1200 von Georges DubyStadt und Handel im Mittelalter von Henri Pirenne und Die Dynamik des Kapitalismus von Fernand Braudel

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